Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.12.06, 7.45 Uhr, Jens Burgschweiger

Herrnhuter Losungen

Was haben Sie sich 2007 vorgenommen? Weniger Süßigkeiten, mehr joggen, öfter mal eine Pause im Alltag zum Atemholen?

Für mehr als 1,3 Millionen Menschen in Deutschland und viele Christen in aller Welt bietet ein kleines Büchlein die beste Möglichkeit zum Innehalten: Die Herrnhuter Losungen.

Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen sagt: „Seit über 20 Jahren... brauche ich das Losungsbuch gleichsam als Nachtisch zum Frühstück.“ Für den ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau waren die Herrnhuter Losungen „ein wichtiger Wegbegleiter durch seinen arbeitsreichen Tag.“ Für jeden Tag des Jahres enthalten die Losungen ein Bibelwort aus dem Alten Testament, dazu einen passenden Vers aus dem Neuen Testament sowie eine Liedzeile oder ein Gebet.

Die Geschichte des Büchleins begann vor 278 Jahren mit dem frommen Reichsgrafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. Am 3. Mai 1728 gab der adlige Herr einen Liedvers als Leitwort für den nächsten Tag aus. Bei einer Abendsingstunde in der für böhmische Glaubensflüchtlinge gegründeten Siedlung Herrnhut in der Oberlausitz. Heute gibt es die Herrnhuter Losungen in der Eskimosprache ebenso wie in Suaheli, in Japanisch, Zulu sowie 50 weiteren Sprachen. Man erhält sie als Bildschirmschoner für den PC oder per SMS auf das Handy. Die Losung selbst wird aber immer noch wie anno dazumal aus einer Silberschale mit über 1800 Versen gezogen. Für das Auslosen entschied sich eine Kirchenversammlung Mitte des 18. Jahrhunderts. „Es ist ein allgemeiner Wunsch, dass sie ausgeloset und also aus der Hand des Heilandes angenommen werden“, heißt es im Sitzungsprotokoll. Hinterher würde man ja sehen, wie genau sie auf die jeweiligen Gegebenheiten gepasst hätten. So verbindet sich mit den Losungen manche geschichtliche Anekdote – vor allem aus der ehemaligen DDR, auf deren Gebiet Herrnhut lag. Für einen Tag im Mai 1968 wurde als Losungswort – Jahre vorher - Psalm 18, Vers 30 gezogen: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Das Wort musste auf massiven politischen Druck hin ausgetauscht werden. Bei der Losung vom 23.Juli 1972 „Meinst du, daß ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen“ bestand die SED-Zensurbehörde auf folgende Anmerkung: „Das Wort Gottlose meint hier keine Atheisten.“

Viele Zeitungen griffen am 2.Juli 1990, dem Tag der deutschen Wirtschaft- und Währungsunion, den Losungstext auf. Da heißt es passenderweise im 2. Samuelbuch: „Der Herr macht arm und macht reich.“ Aber ob passend oder nicht – das ist hier eigentlich gar nicht die Frage. Die Losungen sind kein Orakel aus denen man die Zukunft lesen könnte wie aus einem Kaffeesatz.

Sie wollen vielmehr die Möglichkeit geben, einen Moment lang im Tageslauf inne zu halten, über das Leben nachzudenken, den Alltag sozusagen mit Gottes Wort zusammenzubringen. Und dadurch – wie  die Bibel sagt - „Freude zu schöpfen aus den Quellen des Heils“.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, ein fröhliches und schöpferisches Jahr 2007! Ach ja, – die Losung für heute lautet übrigens: „Der Herr harrt darauf, dass er euch gnädig sei.“

Audiobeitrag Herrnhuter Losungen


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