Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.01.07, 8.56 Uhr, Magdalene Imig

Lebensgemeinschaft

Es gibt am Neujahrsmorgen sicherlich nur wenige, die diesen Tag in aller Frühe beginnen. Die Mehrzahl der Menschen braucht vermutlich ein paar Stunden länger,

um das Schlafdefizit der vorangegangenen Nacht auszugleichen. Manch einer kommt erst am Abend des ersten Januars wieder auf die Beine, und das ist schade. Denn solch einen Tag gibt es nur einmal im Jahr.  Jedes Jahr beim festlichen Silvestermenü mit meiner Familie sagen wir  dem alten Jahr Adieu. Gemeinsam erinnern wir uns an die Höhepunkte und auch an die Traurigkeiten. Eine halbe Stunde vor Mitternacht aber stehe ich dann gewöhnlich auf dem Domplatz meiner Heimatstadt, schaue auf die Uhr und bin jedes Mal voller Spannung auf den Augenblick, wo der Himmel zur Leuchtkugel wird, voller Farben und Formen, wo die größte Glocke hoch oben im Turm das festliche Geläut beginnt, dessen Klang sich erhaben und mächtig über die Dächer der Stadt legt. Dann denke ich daran, dass diese Kathedrale schon hunderte Jahresanfänge miterlebt hat und wie oft hier  unten Menschen  gestanden haben mögen, um sich ein frohes, glückliches und erfolgreiches neues Jahr zu wünschen, stets in die Ungewissheit hinein, was wirklich in dieser eben erwachten Zukunft geschehen würde.

Auch ich weiß ja in einem solchen Moment nichts von dem was kommen wird und bin doch in einer Weise froh, wie selten sonst. Und mit mir zusammen sind während dieses Augenblicks Millionen Menschen damit beschäftigt, die ersten Minuten eines neuen Jahres zu erleben.

Wann sonst gibt es einen solchen menschlichen Gleichklang? Wir hatten den Weltjugendtag und die Fußballweltmeisterschaft und waren berührt von dem daraus entstandenen Gemeinschaftsgefühl. In der Silvesternacht aber gibt es etwas sonst nie Erreichbares. Millionen Menschen sind für einen kurzen Augenblick zum gemeinsamen Erleben vereint,  wo das Prosit Neujahr und die guten Wünsche zum Einheitsgruß werden  über die Grenzen hinweg von  Parteien und Weltanschauungen, von Männern und Frauen, Jugendlichen und Senioren,  wo ganz unterschiedliche Menschen miteinander lachen, Fremde sich gegenseitig die Hand reichen zum Gruß, und die hoffnungsvolle Erwartung der Herzen für eine kleine Weile in den Augen sichtbar wird. Wenn ich in diesen ersten Minuten des Jahres zum Himmel hochsehe, kommt es mir immer vor, als wäre dies der besondere Segen Gottes, mit dem er seine Menschen auf Erden berührt und zum friedlichen Miteinander bewegt.  Schade, wenn dieses  gemeinsame Erleben jetzt schon wieder auseinander fiele und bis zum kommenden Sylvester brachliegen müsste. Am Neujahrstag, der für die meisten Menschen frei von beruflicher Verpflichtung ist, könnte es noch einmal spürbar sein, wenn wir uns gegenseitig in die Augen sähen und anlächelten und  vielleicht darüber hinaus im Laufe des Jahres hier und da daran dächten, wie gut  es sich anfühlte, als wir es gemeinsam begannen, dieses Jahr mit Namen 2007.

Audiobeitrag Lebensgemeinschaft


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