| |
Vorsätze
Der erste Werktag dieses Jahres. Wird ab jetzt alles anders sein? Bin ich schon besser organisiert, zielorientierter, körperbewusster und gelassener,
so wie es mir seit dem letzten Herbst aus vielen Richtungen, von unterschiedlichen Anbietern und in vielerlei Verpackung empfohlen wurde? Stellen Sie jetzt die Weichen, hieß es schon im letzten September, damit Sie im neuen Jahr gleich richtig und bewusst starten können, um ohne Umwege auf ihr Ziel hinzusteuern.
Seit ich denken kann, bin ich fasziniert von der Idee eines solchen Neuanfangs. Es kommt mir vor, als würde ich, wenn ich mich nur wirklich bemühte, eine ganz andere werden können. Ab heute könnte es gelingen.
So ein Quatsch, sagt meine Nachbarin und lacht mich aus, wenn ich versuche vor einem Jahrsbeginn alles ins Lot zu bringen, damit die Startbahn frei ist für das Zukünftige, Bessere. Sie meint, letztendlich bliebe doch alles beim Alten. Blutdruck und Leberwerte wären nicht anders als zwei Tage zuvor, wo der Tag sich noch Dezember nannte und das Jahr 2006,. die Fenster seien nach wie vor verschmutzt und der Einkauf mache sich immer noch nicht von alleine. Oder ob ich glaubte nur weil sich das Jahr nun mit einer Zahl vorwärts bewegt habe, bliebe der Schreibtisch plötzlich aufgeräumt oder der Backofen auf Dauer sauber? Und überhaupt, sagt sie, Wozu? Denken Sie, wenn Sie oder ich mich bemühen, unser Leben zu ändern, wird das im Gefüge der Welt spürbar?
Natürlich hat sie Recht. Die Welt dreht sich nicht plötzlich im Swingrhythmus, nur weil ich mehr lache und singe, und obwohl ich versuche, alle Verkehrsvorschriften zu beachten, wird es weiterhin Unfälle geben. Immer wird jemand meinen, der Krieg sei die richtige Lösung, ungeachtete dessen, dass ich mir vorgenommen habe, in meinem Leben dem Frieden Vorfahrt zu geben. Darüber hinaus erinnere ich mich auch, dass nach der Euphorie mancher Jahresneuanfänge meines Lebens die meisten Vorsätze ziemlich bald wieder zurück in die Vitrine kamen, wie das Familiensilber, das meine Mutter nur einmal im Jahr hervorholte, putzte und auf den Tisch legte. Schön anzusehen, aber für den Alltag untauglich. Sind auch meine Ideen des Neuanfangs unzweckmäßig und nicht durchführbar im wirklichen Leben?
Dennoch und allen vernünftigen Argumenten meiner Nachbarin zum Trotz: Heute ist der zweite Januar 2007. Gott hat mir ein neues Jahr geschenkt. Ein neuer Weg, auf dem ich nun in neuer Gangart unterwegs sein will. Eine noch fast unberührte Strecke, eine frische Zeit mit Tagen Stunden und Minuten. Und selbst wenn nur die Hälfte oder ein Drittel oder vielleicht auch nur ein einziger meiner Vorsätze gelingt, ab heute fange ich neu an. Auch wenn ich damit nicht die ganze Welt verändern kann, in meinem kleinen Leben wird es vielleicht doch spürbar sein, hier und da und dann und wann.
Vorsätze
|