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Wahrhaftigkeit
Stets in der Wahrheit zu leben ist nicht leicht und erfordert viel Mut. Wie froh bin ich als Kind gewesen, wenn es mir gelang, die Wahrheit ans Licht zu holen,
wie befreit fühlte ich mich, wenn ich meine kleinen Sünden vor meiner Mutter ausgebreitet hatte. Selbst die seltenen Strafen, wie Stubenarrest oder Schokoladenverbot waren leicht zu ertragen, durch das Gefühl der Reinheit, das die Wahrheit in mir geschaffen hatte. Im Griechischen heißt Wahrheit Aletheia und meint so viel wie Unverborgenheit des Seins.
Wenn man den Schleier wegzieht, die Verhüllung herunterreißt vor den vielen Ecken unseres Lebens, in denen wir uns verbiegen und verbeugen vor vermeintlichen Autoritäten, wo wir aus Furcht, unser kleines Leben zu gefährden bereit sind, unsere Wahrheit einzusperren. In Wahrhaftigkeit zu leben, heißt, zu sagen was man denkt, auch wenn es nicht in den Rahmen passt, auch wenn man damit aneckt, sich unbeliebt macht, womöglich. Vordergründig scheint es immer bequemer, die rosarote Brille anzuziehen und seine Welt in den schönsten Farben zu genießen trotz des Unrats, der sich in den Ecken türmt.
Am 3. Januar im Jahre 1521, also vor genau 486 Jahren, wurde Martin Luther exkommuniziert, sozusagen hinausgeschmissen aus der Gemeinschaft der Christenheit, die damals fast ausschließlich in der katholischen Kirche beheimatet war. Auch Luther war dort zu Hause gewesen, als Mönch hatte er versucht, sein Leben in Wahrhaftigkeit zu führen, aber gerade diese Richtung bedeutete, dass er sich nicht der eigenen Sicherheit wegen in seinen Äußerungen begrenzen, sich auf die Hälfte oder ein Drittel zurückdrängen ließ, wenn er doch wusste, dass es ums Ganze ging, nämlich um die ganze Wahrheit des Christentums. Seine Erkenntnisse weisen den Weg zur Wahrhaftigkeit, weil nur die Wahrheit frei machen kann. Die Wahrheit auszuhalten, sich der Wahrheit zu stellen und die Wahrheit auszusprechen sind schwere Disziplinen, mit denen wir oft überfordert sind.
Luther ließ sich nicht einschüchtern von den Drohgebärden derer, die die Macht hatten, ihn auszuschließen und mundtot zu machen. Trotz aller Bedrängnis blieb er in Übereinstimmung mit sich selbst und bei der Wahrhaftigkeit, die aus der Wahrheit Jesus lebte. Auch mich drängt es manchmal, meinen Mund aufzumachen, die Dinge beim Namen zu nennen. Aber dann wartet gerade ein Korb Bügelwäsche im Keller, oder der Besuch meiner Schwiegermutter steht ins Haus. Und wenn ich wieder an mein Vorhaben denke, haben die Zeitungen längst eine andere headline. Ich werde sicher nicht wie Martin Luther meine Wahrheit in neuen Thesen präsentieren, aber hin und wieder zu meinen Überzeugungen zu stehen wäre schon ein Fortschritt und gewiss ein Vorsatz, der es wert ist, aufgenommen zu werden in die Liste für dieses Jahr.
Wahrhaftigkeit
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