Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.01.07, 8.56 Uhr, Magdalene Imig

Dankbarkeit

Das alte Jahr ist begraben, und wie Ringelnatz sagte: Ein Rauch verweht ein Wasser verrinnt, eine Zeit vergeht, eine neue beginnt.

Dennoch bergen diese letzten zwölf Monate eine Fülle erinnerbarer Stunden. Außer den großen Ereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft, die unser Land so  vaterlandsbezogen und dennoch offen und friedlich zeigte, außer solchen weltweiten Ereignissen gab es ja auch noch die kleinen Highlights  im Leben eines jeden einzelnen. Ein neues Kind auf die Welt gekommen, eine Prüfung bestanden, den Führerschein gemacht, geheiratet, eine neue Wohnung bezogen, den Traumjob bekommen oder auch nur: Gesund geblieben oder wenigstens nicht schwer erkrankt.

Natürlich war da auch die andere Seite, das Sterben, die Scheidung, die Kündigung, die Arbeitslosigkeit und die schlimme Diagnose. Aber gerade das erinnern wir, wir verzweifeln daran, es wirft uns nieder und oftmals werfen wir es wütend Gott vor die Füße.  Ein Rumäne beispielsweise hat versucht, Gott zu verklagen, weil er ihn nicht genügend geschützt habe, vor allem nicht vor dem Teufel und seinen Versuchungen. Dadurch habe Gott den Vertrag, den er mit ihm durch die Taufe geschlossen habe, gebrochen.  So weit also geht menschliche Schuldzuweisung.

Ich bin froh, sagte meine Freundin Marie,  dass ich dieses Jahr hinter mir habe. Jetzt muss es aufwärts gehen, denn unten sind wir schon. War das Jahr wirklich so unerträglich?  Oder wird sie am Ende dieses Jahres auch 2007 als ihr Schlimmstes betrachten.. Beim vielen Klagen und Beklagen bleibt der Dank mitunter auf der Strecke. 365 Tage hatte dieses letzte Jahr und oftmals erinnern wir nur das Donnergrollen und nicht den wärmenden Sonnenschein. Dabei ist die Dankbarkeit eine Tugend, die sogar gesund hält, so jedenfalls beschrieb es eine Ärztin in einem Wochenmagazin. Jedes mal, wenn jemand seinen wirklich empfundenen Dank äußere, würden im Gehirn Botenstoffe aktiviert, die positive Gefühle erzeugen, Stress zum Abklingen bringen und die körperliche und psychische Gesundheit stabilisieren, uns sogar besser schlafen lassen.  Dankbarkeit als Medizin ohne schädliche Nebenwirkungen.
Justo Gallego beispielsweise, ein spanischer Mönch, dankt Gott schon seit mehr als vierzig Jahren für seine Genesung von der Tuberkulose und baut seit 1963 täglich außer Sonntag vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang an einer Kathedrale.  Er will arbeiten, solange Gott will, sagt er.

Eine Kathedrale werde ich nicht schaffen, aber vielleicht einfach nur erinnern, wie viel  Gutes mir im letzten Jahr widerfahren ist. Damit ich über all den Vorsätzen für das neue  nicht die Dankbarkeit  vergesse für das vergangene Jahr, für 365 Tage  lebendigen Lebens.

Audiobeitrag Dankbarkeit


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