Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.01.07, 8.56 Uhr, Magdalene Imig

Achtsamkeit

Im Lokalteil der örtlichen Tageszeitung las ich vor einigen Wochen von einem Mann, der sich aufgemacht hatte, seinem Leben mehr Sinn zu geben.

Er war Buddhist geworden und wollte nun auch andere auf diesen Weg bringen. Die Achtsamkeit im Besonderen sei es, die ihm helfe, sich in der Balance zu halten. Das erinnerte mich an die Geschichte, wo einer auf die Frage nach dem Weg zum Glück antwortet. Wenn du sitzest, dann sitze, wenn du gehst, dann gehe, wenn du isst, dann esse. Genau das tue ich gewöhnlich nicht. Wenn ich sitze, dann bin ich schon unterwegs und wenn ich gehe, schon längst angekommen. Wenn meine Freundin ihre Frage beginnt, steht meine Antwort schon in den Startlöchern, und beim Spiel mit meinen Kindern plane ich den Einkauf danach. Ich dachte, ohne dieses Vorausdenken wäre mein Alltag nicht zu schaffen.

Trotzdem aber verbringe auch ich womöglich das statistisch errechnete Fünftel meines Lebens in der Warteschlange, warte vor Ampeln, auf Anrufe, auf Handwerker, auf den günstigsten Zeitpunkt oder auf besseres Wetter. Statt währenddessen händeringend meinen Ärger zu unterdrücken,  könnte ich diese  Zeitspanne als geschenkten Termin für mich selbst werten, wo ich mir Gedanken mache kann über die Welt und mein Leben, wo ich Gedichte erfinde und Geschichten,  ohne schlechtes Gewissen singe oder tanze, mich freue, dass ich lebe. Oder auch  bete, ein Gespräch mit Gott beginne, etwas, was zu oft in der Geschäftigkeit des Alltags nicht unterzubringen scheint. Achtsam sein, Achtung haben, beachten.  Nichts ist vergeudete Zeit, wenn ich im Jetzt lebe, im Augenblick der Gegenwart jeden und alles was mir entgegenkommt,  höre, sehe und schmecke, wenn ich mit allen Sinnen lebe, wie reich könnte mein Leben werden. Wenn ich beachte, dass diese Minute, in der ich diesen Satz schreibe, nie mehr wiederkommt, muss ich dann nicht endlich erkennen, wie wertvoll dieser Augenblick ist. Muss ich ihn dann nicht mit allen Kräften genießen, erleben, erfahren und achten?

Um die Achtsamkeit zu lernen muss ich nicht Buddhistin werden. Auch als Christin sollte ich achten und beachten, die Schöpfung, die Dinge in meinem Alltag und die Menschen, die mir begegnen.  Achtsamkeit bringt mich zum Vertrauen, dass alles  gewollt ist und wichtig. Achtsam sein, heißt ganz bei dem zu sein, was man tut, aufwachen quasi zum Leben. Dann wird womöglich sogar das Gläserspülen zum bewussten Vorgang, und nicht zu einer Handlung, die ich schnell hinter mich bringen muss.

Weil ich weiß, dass Gott auf mich achtet, will ich darauf achten, was er mir heute auf meinen Weg legt, damit mir nicht außer dem normalen Wartefünftel ein weiterer Teil meines Lebens verloren geht, nur weil ich ihn nicht beachtet habe. Einmalig, unwiederholbar und wertvoll kann jeder Tag dieses Jahres sein, wenn ich ihn mit Achtsamkeit erlebe.

 

Audiobeitrag Achtsamkeit


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