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Von guten Mächten
Die letzten Böller sind geschossen, die Raketen verraucht, das Blei gegossen, die Verwandten umarmt, die Freunde auf die Wange geküsst: Wir sind angekommen im neuen Jahr.
Vielleicht ein wenig lauter, ein wenig ausgelassener als das Lied es besingt. Dessen Verfasser lässt es besinnlich angehen, ruhig. Es ist die Stille, die er am meisten zu genießen scheint. Den Schein der Lichter, die Wärme, die Geborgenheit.
Lass warm und still die Kerzen heute flammen, die du in unsere Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen, wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
... Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen... Nur eine Zeile in diesem Lied weist darauf hin: der, der diese Zeilen schreibt, feiert nicht im Kreise seiner Liebsten.. Er ist von ihnen getrennt und vermisst sie schmerzlich. Der Verfasser heißt Dietrich Bonhoeffer. Es ist das zweite Weihnachten, das er in Gestapo-Haft verbringt. Keine 40 ist er und hat sich als Pfarrer und Theologe dem Widerstand gegen Hitler angeschlossen. Zur Jahreswende 1944/45 entsteht das Gedicht Von guten Mächten. Er schreibt es für seine Verlobte, für seine Eltern und Geschwister. Am meisten aber schreibt er es für sich selbst. Die Kerzen, die Lieder, die vertrauten Gesichter das alles ruft er mit seinen Worten herbei. Um ihn herum stehen die kahlen Wände der Zelle. Doch lebt er darin, als sei er zu Hause. Es ist nicht nur das weihnachtlich geschmückte Elternhaus, es ist die Welt Gottes, die er sich vergegenwärtigt, in die er sich hineinschreibt, hineinbetet. Er glaubt fest daran: In der Welt Gottes, die alle Menschen umgibt, hat jeder einen Platz, seinen Raum, ein zu Hause, und sei sein Leben noch so eingeengt und bedroht.
Sprecherin: Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann woll'n wir des Vergangenen gedenken und dann gehört Dir unser Leben ganz.
Dietrich Bonhoeffer geht auf den Tod zu. Er ahnt es. Er sieht die bösen Mächte am Werk, sieht die Zerstörung und das Ende kommen. Trotzdem gibt er die Hoffnung auf ein neu geschenktes Leben in Freiheit nicht auf, bis zu seiner Hinrichtung nicht. Am 9.April, nur wenige Wochen vor dem endgültigen Zusammenbruch der Nazidiktatur wird er im Konzentrationslager Flossenbürg umgebracht
Sprecherin: Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus Deiner guten und geliebten Hand
Viele, vor allem junge Menschen waren nach dem Krieg tief verunsichert. Die Werte, der Geist, auch der Glaube, in denen man sie erzogen hatte, hatten unermessliches Leid über die Völker Europas gebracht. Woran konnte man sich noch halten? In diesen Jahren der Verunsicherung wurde Dietrich Bonhoeffer für viele Christinnen und Christen zum Vorbild, zum Garanten eines Glaubens, den man teilen durfte. Er hatte sich entschlossen, der NS-Diktatur als Christ seinen Widerstand entgegenzusetzen. Er hatte diese Entscheidung mit dem Leben bezahlt. Und in alldem hatte er es vermocht, einer schier übermächtigen Angst vor der Zukunft ein tiefes Gottvertrauen entgegen zu setzen.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag
Vorgelesen wurden diese Zeilen, in dutzende Sprachen übersetzt, rezitiert, als Gebet gesprochen und schließlich in eine erste Melodie gesetzt. Zahlreiche Kompositionen (Musik einblenden bei 50) folgten und heute ist das Gedicht Bonhoeffers weltweit einer der am häufigsten vertonten Texte der letzten 50 Jahre. Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
In dieser Fassung ist das Lied heute bei weitem den meisten evangelischen Christinnen und Christen bekannt. Es entstand im Jahre 1972 und stammt von Siegfried Fietz. Passt diese Melodie zum Text? Immer wieder wird sie als zu seicht kritisiert, der einlullende Walzertakt spreche dem Todesringen Dietrich Bonhoeffers geradezu Hohn. Doch muss man nicht Moll singen, um sich den Ernst eines Liedes zu erschließen. Die Unbekümmertheit der modernen Melodie entspricht dem Lebensgefühl der später Geborenen, die Krieg und Diktatur nicht erlebt hatten und trotzdem entscheiden mussten: An welchen Stellen heißt es, dem Staat aus christlicher Überzeugung Widerstand bieten? Wo dürfen wir das Bestehende mit Ergebung hinnehmen? Die Generation der Friedensbewegten konnte ihre Suche mit den Fragen Bonhoeffers und seiner Glaubensgewissheit verbinden. So hat neben der Choralfassung auch diese musikalische Variante Eingang in das Evangelische Gesangbuch unserer Kirchen gefunden.
Ach, Herr, gib unseren aufgescheuchten Seelen das Heil, für das du uns bereitet hast.
Jeder Mensch kommt in seinem Leben an einen Punkt, an dem alles, was ihn bisher zu tragen schien, zerbricht. Kann sein, ich finde mich plötzlich vor Gericht wieder und werde zu unrecht zu einer Haftstrafe verurteilt. Möglich, meine nächste ärztliche Diagnose ist zugleich mein Todesurteil. Oder der Mensch neben mir verändert sich im Alter auf völlig unerwartete Weise, seine Persönlichkeit zerfällt. Es ist der schwere Kelch, der bittere, von dem Bonhoeffer weiß, dass er an niemandem vorübergeht. Angst kann mir das machen. Angst vor dem Leid. Angst vor der Zukunft. Das Lied Von guten Mächten singt in welcher Melodie auch immer - seinen Mut dagegen. Und das Vertrauen. Dass in allem was uns widerfährt am Ende nur gute Mächte am Werk sein können. Selbst da, wo wir es uns am wenigsten vorstellen können. Gott ist mit uns auf dem Weg. Auf dem Weg durch das Jahr. Auf dem Weg ins Licht. Auf dem Weg zum Heil, für das er uns bereitet hat.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
Von guten Mächten
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