Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.01.07, 5.56 Uhr, Dr. Sven Keppler

Ich will ein neues ...

„Ich!“ Damit ging es los. Susi hatte wieder mal ich gesagt. Und jetzt mussten die anderen damit zurecht kommen.

Susi sagte gerne ich. Und andere dachten dann schnell: Sie ist ziemlich von sich überzeugt.

Aber diesmal war es nur ein Spiel. Die vier Geschwister spielten es, um sich den langen Abend zu vertreiben. Eine durfte ein Wort in den Raum stellen, und der Nachbar musste es wiederholen und ein eigenes, passendes Wort anhängen. Und so weiter. „Ich will!“, rief Kevin. Auch so ein Satz, den er gerne sagte. Mühelos hatte er Susis Ich zu seinem eigenen gemacht. Und da er eigentlich immer irgendetwas wollte – und das auch gut einzufordern wusste – rief er eben gleich: „Ich will.“

Jetzt kam Tom an die Reihe. Unter den Geschwistern war er der Vorsichtige. Er wartete gerne ab, was sich entwickelte. Und dann kam er überraschend mit einer guten Idee. Aber jetzt war er noch nicht so weit. Vorsichtig sagte er: „Ich will ein ...“. Das war die Vorlage für Marie, die Jüngste. Da sie in einigen Tagen Geburtstag hatte, war sie mit schwierigen Fragen beschäftigt. Ein neues Fahrrad? Ein neues Zelt? Oder einen MP3-Spieler? „Ich will ein neues ...“ rief sie und musste sich zum Glück nicht entscheiden. Jetzt kam die Reihe wieder an Susi. Ihr war das alles zu vorhersehbar. Seit Kevin ihr das Ich weggenommen hatte, überlegte sie, wie sie es zurückgewinnen könnte. Eine Überraschung musste her. Der Satz musste völlig unerwartet weitergehen: „Ich will ein Neues schaffen.“ Das saß. Die anderen waren verdutzt. Sie trauten sich kaum zu fragen, ob das überhaupt ein richtiger Satz war. Kevin, der noch bei seinem „Ich will“ war, wollte rufen: „Was soll das denn jetzt?“ und vermied im letzten Moment den Patzer. „Ich will ein Neues schaffen, jetzt!“, murmelte er. Das war der Einsatz für den nachdenklichen Tom. Jetzt entwickelten sich die Dinge nach seinem Geschmack. Ein Neues muss wachsen, dachte er sich. Also: „Ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst ...“ Fahrrad, Zelt, oder MP3-Spieler? Marie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Susi sie in die Seite puffte. „Jetzt wächst es!“, rief Marie – und schied nur deshalb nicht aus, weil die anderen großzügig waren. Um keine Diskussionen aufkommen zu lassen, sagte Susi schnell: „Ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf.“ Wieder so ein komischer Satz, den Kevin nur mit einem halben Neuanfang retten konnte: „erkennt“ fügte er hinzu. Tom ergänzte ein „Ihr“. Marie steuerte wie eben ein „es“ bei. Und Susi vollendete stolz den Satz mit einer Frage: „Ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf; erkennt ihr es denn?“ Kevin wollte natürlich nicht der Verlierer sein, dem nichts mehr einfiel. Er fand den definitiven Abschluss und hatte gewonnen: „Ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf; erkennt ihr es denn nicht?“

Dieser Satz ist natürlich nicht zufällig entstanden. Er steht in der Bibel, beim Propheten Jesaja. Aber durch einen Zufall ist er zum Wort des Jahres 2007 geworden: Er wurde ausgelost. Durch das Losen kommt etwas Unverfügbares zum Ausdruck, wie beim Spiel. Wer weiß, für wie viele verschiedene Situationen und Menschen die Jahreslosung 2007 das richtige Wort sein wird.

Audiobeitrag Ich will ein neues ...


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