Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.01.07, 5.56 Uhr, Dr. Sven Keppler

Ich will Neues schaffen

So fangen Neuanfänge an. „Wie froh ich bin, dass ich weg bin.“

So schreibt es ein junger Mann an seinen Freund, den er in der Heimat zurückgelassen hat. Kein wehmütiger Blick zurück, sondern Aufatmen. Dem Freund gegenüber schämt er sich ein wenig für sein erleichtertes Gefühl. Auch ihn hat er ja verlassen. Aber ein klarer Schnitt war das einzige, was ihn retten konnte. Eine aussichtslose Dreiecksgeschichte hatte ihn in die Flucht getrieben. Seine aparte Freundin hatte eine jüngere Schwester. Die verliebte sich leidenschaftlich in ihn, und er hatte mit ihren Empfindungen gespielt.

Sprecher: Lieber Freund, ich verspreche dir’s, ich will mich bessern, ich will nicht mehr ein bißchen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich’s immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein.

Autor: Es ist Mai, als er das schreibt. Er ist hungrig auf neue, sinnliche Erfahrungen. Im Gras bestaunt er das Wimmeln von Würmern und Mücken und fühlt dabei die Gegenwart Gottes. Im Städtchen beobachtet er die jungen Frauen am Brunnen und sieht Königstöchter in ihnen. Wenn er dann wieder allein ist, überwältigt ihn der Reichtum der Empfindungen, die die Welt in ihm auslöst.

Sprecher: Das alles macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt.

Autor: Doch der Versuch, alles neu und anders zu machen, geht schief. Wieder gerät er in eine aussichtslose Dreiecksgeschichte. Neu ist nur die Heftigkeit: Im Fieber seiner gereizten Sinne stürzt er sich in die neue Liebe. Obwohl er weiß, dass die Geliebte bereits gebunden ist. Diesmal hat er nicht mehr die Kraft, sich zu entziehen. Zwar flieht er erneut. Aber ohne die Geliebte verliert er den Geschmack am Leben und kehrt zurück. Am Ende erschießt er sich. „Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet“ – das sind die letzten Sätze des berühmten ersten Romans von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. „Ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf; erkennt ihr es denn nicht?“ Dieses Wort des Propheten Jesaja ist der Jahresspruch für 2007. Ein gutes Wort für Menschen, die auf einen Neuanfang hoffen. Ermutigender als der Roman von Werther, wo sich diese Hoffnung als Illusion herausstellt. Weil der Aufbruch nur zurück in die alten Fehler führt und am Ende alles nur noch schlimmer wird. Aber bin ich nicht naiv, wenn ich mich auf den Spruch des Jesaja einlasse? Wenn ich mir von ihm sagen lasse: Gott eröffnet mir neue Möglichkeiten. Und diese Möglichkeiten liegen schon vor mir. Ich muss sie nur erkennen. Bin ich dann nicht genauso blauäugig wie der Werther am Anfang des Romans? Ich glaube nicht. Denn es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Aufbruch von Werther und dem, was der Spruch von Jesaja verspricht: Werther war schwärmerisch, leidenschaftlich und ungestüm. Wovon Jesaja redet, das ist zart, vorsichtig und behutsam. Das Neue wächst wie eine zarte Pflanze. Man muss vorsichtig auf sie achten. Und ihr Wachstum behutsam geschehen lassen. Dann wird sie wunderbare Blüten treiben.

Audiobeitrag Ich will Neues schaffen


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