Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.01.07, 16-17 Uhr, Arnd Kulla

Feinde lieben

Ich hab im wahrsten Sinn des Wortes Rot gesehen, als Alex mich vorhin niedergemacht hat. Genüsslich und zielsicher

hat er meinen wundesten Punkt getroffen. Und mich vor allen anderen bloßgestellt.
Ich hab nur noch nach Luft geschnappt. Da war nichts, was ich hätte sagen können. Ich bin nur noch raus! An der Tür grinst mich dann auch noch irgendwer blöde an und sagt oberlehrermäßig, mit erhobenem Zeigefinger: „Liebet eure Feinde!“
Warum schwirrt mir das jetzt im Kopf rum, während ich nach Hause gehe und Steine vor mir herkicke?  „Feinde lieben!“ Wer im Ernst glaubt, dass man seine Feinde lieben soll, hat entweder keine Ahnung – oder keine Feinde.

„Feind“ und „lieben“ passt nicht zusammen. Denn: Wen ich hasse, den kann ich nicht lieben. Aber umgekehrt gilt auch: Wenn ich jemanden liebe, kann ich ihn nicht hassen. Er ist nicht mehr mein Feind. Ich eliminiere meinen Feind sozusagen, indem ich ihn liebe. Klingt verwirrend einfach.

Das grinsende Gesicht von Alex taucht vor meinem inneren Auge auf. Ich bin sofort wieder auf 180. Den lieben? Kann ich nicht. Will ich auch gar nicht. Aber ich spüre auch, dass mein Hass mir nicht gut tut. Also muss ich zusehen, dass ich ihn los werde --- als meinen Feind:  Indem ich dran arbeite, dass mir der Typ einfach egal ist.
Wenn ich ihn nicht mehr hasse – dann ist er nicht mehr mein Feind.
Und ich hab meine Ruhe.

Sprecherin: Christiane Birgden

Audiobeitrag Feinde lieben


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