Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.12.06, 10.00 Uhr, Präses Nikolaus Schneider

Gottes „Seligkeitsgeschenk"

Der Tag „danach“, das ist der 1. Weihnachtsfeiertag für viele Menschen: der Tag nach dem „Heiligen Abend“, der lang erwartet und lange vorbereitet wurde.

Was ist uns geblieben von der Weihnachtsseligkeit der Heiligen Nacht, heute am Weihnachtsmorgen? Trägt uns noch die Glückseligkeit in den Augen unserer Kinder und Enkelkinder, als sie die brennenden Kerzen am Tannenbaum anschauten und ihre Geschenke auspackten? Schmerzen uns noch Hoffnungen, die enttäuscht wurden und Erwartungen, die unerfüllt blieben; auch an mensch-licher Nähe und Harmonie in den Familien?
 „Siehe ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird!“ – diese Botschaft der Engel gibt dem Heiligen Abend sein unverwechselbares ewiges Licht. Was ist uns davon geblieben, heute am Morgen „danach“? Was bedeutet diese Engelbotschaft für uns heute, für unsere Kirchen und Völker, für unsere Erde?  Der Predigttext für den heutigen Gottesdienst will uns eine Antwort geben auf das Fragen „nach“ dem Weihnachts-geschehen. Hören wir noch einmal auf die Antwort, die uns im Titusbrief überliefert ist:
Sprecherin:
„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte er uns selig –nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit- durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unseren Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unserer Hoffnung. Das ist gewisslich war.“
 Das ist das erste und wichtigste, das wir uns über Weihnachten klar machen müssen, liebe Gemeinde: Weihnachten ist das Weihnachten Gottes. Nicht wir haben Gott herbeigerufen, herbei gebetet. Oder gar durch unsere guten Werke herbei gezwungen. Gott selbst hat sich aus freien Stücken uns zugewandt. Gottes Freundlichkeit und Men-schenliebe sind uns, sind unserer Erde erschienen! Ein Kind der Liebe wurde in Bethlehem geboren, ein Kind der Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, zu seinen Menschen. Gott selbst will unter uns sein , will uns näher kommen als es in geschriebenen oder überlieferten Prophetenworten möglich ist.
 Deshalb lässt Gott es Weihnachten werden: Weihnachten das heißt: Gottes Wort, Gottes Liebe wird Mensch in dem Menschen Jesus von Nazareth! Gottes Wort, Gottes Liebe wird für uns auf menschliche Weise erfahrbar in der Geburt, in dem Leben, Sterben und Auferstehen des Gottessohnes Jesus Christus!
Ein solches Weihnachten ist ein Zeitenwechsel. Dieses Weihnachten hat auch epochale Bedeutung. Denn Weihnachten trägt die Verheißung in sich: es muss nicht alles so bleiben wie es ist. „Die Völker, die im Finstern wandeln und die Menschen, die im Schatten des Todes sitzen, sehen ein großes Licht“ – so hat es schon Jesaja verheißen.
Am Heiligen Abend ist zwar das Reich Gottes nicht vollständig Realität geworden, doch der Bann der Dunkelheit ist gebrochen, auch wenn Unrecht, Krieg und Gewalt uns so oft noch übermächtig scheinen.Der Bann von Verzweiflung und Resignation ist gebrochen, auch wenn noch so oft Scheitern, Leiden und Sterben unser Leben bestimmen. Gebrochen ist der  Bann, der unser Denken lahm legt, unseren Mut sinken lässt, uns den Horizont verstellt.
Aber was heißt: der Bann ist gebrochen? Und: wie geschieht das?
Die Engel am Heiligen Abend lehren uns, ein neues Lied zu singen. Ein Lied gegen das Unheil in unserer Welt, ein Lied gegen das Unheil in unserem Leben! „Christ, der Retter ist da!“ das gilt von nun an, auch wenn die alten Lie-der in unserer Welt sich immer wieder in den Vordergrund drängen, wenn sie ihre immer noch mächtigen Stimmen erheben, immer noch Geltung und Aufmerksamkeit beanspruchen. Alte Lieder wie:
„Sterben müssen wir alle, darum genieß das Leben und kümmere dich um nichts weiter!“;  oder: “Sterben müssen wir alle, darum häng dein Herz an nichts und niemanden, damit du nicht vergehen musst  durch Trennungsschmerzen  und Verlustängste!“; „Macht ist stärker als Recht, darum nimm, was du kriegen kannst!“; oder: „ Macht ist stärker als Recht, darum krieche vor jedem Mächtigen zu Kreuze!“;
„Gewalt und Kriege wird es immer geben, darum ist alle Friedensarbeit der Gutmenschen vergebliche Liebesmühe!“;  „Alles ist käuflich, darum kaufe rund um die Uhr, kaufe auch an Sonn- und Feiertagen, warum nicht auch am Heili-gen Abend? - ja kauf dich sogar frei von Schuld und Verantwortung!“ Diese alten Lieder singen wir nicht mehr mit!
In der Adventszeit, im Warten auf Weihnachten haben wir gesungen: „Oh Heiland reiß die Himmel auf!“. Weih-nachten ist der Himmel aufgerissen! Weihnachten heißt: Gott, unser himmlischer Heiland, ist uns und unserer Erde erschienen in Jesus Christus, unserem menschlichen Heiland! Das ist die Weihnachtsbotschaft für alle Tage und alle Zeiten, über die Heiligabendseligkeit hinaus! Das ist Gottes „Seligkeitsgeschenk“ an uns:
Unser Leben wird heil trotz allem Unheil dieser Welt und unseres Lebens, weil Gott mit uns ist in den guten und in den bösen Tagen unseres Lebens. Gott verlässt uns nicht, auch nicht in unserem Leiden und Sterben. Gott hält uns fest auch durch unseren Tod hindurch, er macht uns zu Erben des ewigen Lebens! Das kann am Leben Jesu studiert werden, auch an seinem Sterben und Auferstehen. Denn nach menschlichen Maßstäben ist sein Kreuz das Zeichen für das Scheitern seiner Botschaft, für sein persönliches Scheitern.
Sein Sieg, seine Auferstehung begeistert eben nicht die Börsen und die zu den verschiedensten Gipfeln versam-melten Staatschefs, sondern die Menschen, die an ihn glauben - von damals bis heute. Die Logik der Verhältnisse wurde durch Jesus Christus verändert, sie wird heute verändert durch Menschen, die sich durch Gottes Sohn ha-ben verändern lassen. Um es mit dem großen jüdischen Rabbiner Leo Baeck zu sagen: „Die Menschen bauen das Königreich des Himmels auf der Erde und dehnen seine Grenzen mit jeder guten Tat aus, die sie vollbringen.“

Für sie, für uns gilt: Unser Leben ist geheilt, ist selig, auch wenn wir Leid tragen, auch wenn wir um der Gerechtig-keit willen verfolgt werden... . Jesus spricht uns die Seligkeit zu mitten in unserem Leiden und scheitern. Deshalb gilt auch: Wir können uns mit offenen Augen und mit offenen Händen dem Unheil unserer Welt zuwenden. Jesus Christus, unser Heiland, will uns nicht nur einmal jährlich als niedliches Krippenkind begegnen. Jesus Chris-tus will uns auch heute im Alltag unseres Lebens, im Alltag unserer Welt begegnen:
Jesus Christus - das verwahrloste Kind im Nachbarhaus! Jesus Christus - der von Arbeitslosigkeit bedrohte Mitarbeiter von BenQ! Jesus Christus - der Jugendliche in der Jugendstrafanstalt! Weil Jesus Christus selbst sich mit diesen Menschen identifiziert, fordern sie uns heraus. Wir finden uns nicht einfach ab mit den Verhältnissen, wie sie eben sind. Auch wenn wir unsere Machtlosigkeit dabei erfahren, wir sind gewiss: Gottes Segen liegt auf unserem Tun.
Das macht uns selber heil:
dass wir Jesus Christus in dem Menschen erkennen, der unsere Hilfe braucht, dass wir uns vom Geist Gottes be-wegen und befähigen zu lassen, mitzufühlen, mitzuleiden und zu heilen.
Entscheidend für unser Leben und Sterben, für unser Heil und für unsere Seligkeit sind nicht unsere Erfolge, ist nicht unsere Gesundheit, Kaufkraft oder unsere Macht. Entscheidend für unser Heil und unsere Seligkeit ist unsere innere Bindung an die Menschenliebe Gottes, ist die Ausrichtung unseres Lebens an Jesus Christus. Unser Predigttext nennt diese Bindung ‚Bad der Wiedergeburt’ und die ‚Erneuerung im Heiligen Geist’. Gemeint damit sind die Feier der Taufe und die regelmäßige Erinnerung an sie, die täglich neue Ausrichtung unseres Geistes an dem Geist Gottes.
Gott will und braucht nämlich Menschen, die sich von seinem Geist bewegen und leiten lassen. Sein Heil und sei-ne Gerechtigkeit sollen wir allem Volk und aller Welt bezeugen und mit unserer kleinen Kraft auch Realität werden lassen.
Wir sind unserer Hoffnung auf ein unzerstörbares Leben in der Gegenwart Gottes gewiss sind. Deshalb überlassen wir die Erde nicht einfach ihrem zerstörerischen Lauf. Wir sind auch in unseren bösen Tagen von Gottes guten Mächten wunderbar geborgen. Deshalb stellen wir unser Leben in den Dienst des Lebens und der Bewahrung der Schöpfung.
Das, liebe Gemeinde ist die Weihnachtsbotschaft für alle Tage danach:
Gott, unser himmlischer Heiland, hat uns Jesus Christus als lebendiges Gotteswort geschenkt!
Jesus Christus, unser menschlicher Heiland, hat Gottes Gegenwart und Liebe auch in seinem Leiden und Sterben erfahren!
Das lebendige Gotteswort Jesus Christus begegnet uns in den unheilen Verhältnissen und in den heilsuchenden Menschen unserer Erde.
Jesus Christus leitet uns durch unser irdisches Leben und führt uns ins himmlische Leben.
Unser Heil liegt im geheilt werden und im Heilen!
Und das bleibt, liebe Gemeinde, von der nächtlichen Botschaft der Engel am „Tag danach“.
Frohe und gesegnete Weihnachten Ihnen allen!
Amen!

 


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen