|
Dunkle Nacht, heilige Nacht
Stille Nacht, heilige Nacht heute Abend wird dieses vertraute Lied wieder in tausenden von Kirchen gesungen werden.
Am Ende eines festlichen Gottesdienstes zum Heiligen Abend. Auch wer ansonsten hart gesotten ist, wird spätestens in diesem Moment angerührt. Ergriffen wird er oder sie die alte Melodie mitsingen. Erinnerungen aus der eigenen Kindheit werden sich einstellen. Und ein tiefes Gefühl von Geborgenheit: Wir leben nicht in einer sinnlosen Welt. Seltsam eigentlich, dass gerade die Nacht solche Gefühle auslöst. Die längste Nacht des Jahres mit ihrer Kälte und Dunkelheit. Heimelig erscheint diese Nacht vielleicht nur deshalb, weil sie bloß den Hintergrund bildet: Umso heller leuchten die Kerzen, das Lametta und die Lichterketten. Ganz anders hat Johannes vom Kreuz die Nacht erfahren. Wenn dieser spanische Mystiker aus dem 16. Jahrhundert von der dunklen Nacht spricht, dann meint er nicht bloß einen Hintergrund. Die dunkle Nacht, die er meint, herrscht im Inneren eines Menschen.
Sprecher: Die Nacht ist bitter und fürchterlich für die Sinne und sie ist grauenvoll und schauderhaft für den Geist. Der Mensch fühlt sich, wie wenn ein wildes Tier ihn verschluckt hätte und er in dessen dunklem Bauch verdaut würde.
Autor: Ein Mensch, in dessen Innerem sich diese dunkle Nacht ausbreitet, fühlt sich total vereinsamt.
Sprecher: Von allen Geschöpfen fühlt sich der Mensch verlassen und verachtet, vor allem von seinen Freunden Am meisten schmerzt das deutliche Gefühl, von Gott verworfen zu sein, da er ihn in die Finsternis geworfen hat.
Autor: Mit diesem Gefühl täuscht man sich jedoch. Davon ist Johannes vom Kreuz überzeugt. Wer diese Art von Dunkelheit in sich spürt, ist nicht von Gott verlassen. Ganz im Gegenteil: Gerade weil Gott mir so nahe ist, fühle ich mich dunkel, einsam und verlassen.
Sprecher: Diese dunkle Nacht ist das Einströmen Gottes in den Menschen. Doch hier entsteht eine Frage: Warum nennt der Mensch sie dunkle Nacht, wenn es doch eine göttliche Lichtquelle ist, die ihn erleuchtet?
Autor: Gott ist die Liebe. Wenn Menschen ihr Leben mit Gott führen, dann wird sie das stärken. Sie werden sich freier fühlen. Momente voller Ermutigung und Freude erleben. Erhellende Augenblicke. Wie kann es dann sein, dass Gottes Nähe in mir das Gefühl von Dunkelheit auslöst? Johannes vom Kreuz hat ein Bild dafür:
Sprecher: Es ist wie mit dem Licht: Je heller es ist, desto mehr blendet und verdunkelt es die Pupille; und je offener man in die Sonne hineinschaut, desto mehr Finsternis verursacht sie im Sehvermögen, nimmt es sogar weg.
Autor: Wenn Gott mir nahe kommt, kann mir ganz schwarz vor Augen werden. Weil er so hell ist, kann er mich blenden. Ich kann das Gefühl bekommen, in eine dunkle Nacht geraten zu sein. Werde traurig, wo ich lachen könnte. Werde ängstlich, wo ich neuen Mut schöpfen könnte. Fühle mich einsam, obwohl er mir ganz nahe ist. Meine Augen müssen sich erst an das neue Licht gewöhnen. Am Anfang gehört beides zusammen: Gottes Nähe und die stille, dunkle, heilige Nacht. Wie am Heiligen Abend.
Dunkle Nacht, heilige Nacht
|