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Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist
Hör mir bloß auf mit Weihnachten, sagt meine Freundin, deren Mutter im Sterben liegt. So wie ihr geht es vielen in diesen Tagen.
Sie wollen vom Heiligen Abend, von Gott nichts mehr wissen. Sind enttäuscht. Fühlen sich in ihrer Not allein: Am Sterbebett ihres Liebsten. Am Grab des Sohnes. Am Krankenbett der Freundin. Doch es gibt sie auch, die anderen, die es irgendwie trotzdem schaffen an Gott festzuhalten. An dem Gott, der einem das Liebste nimmt. Und für die Weihnachten nicht nur schrecklich und traurig ist. Zu ihnen gehört Nikolaus Schneider, Präses der Ev. Kirche im Rheinland, und seine Frau Anne. Die beiden haben ihre Tochter Maike an Krebs verloren, nicht aber ihren Glauben an den Gott, der das Leben will. Davon erzählen Sie in ihrem Buch: Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist. Ich bin Sabine Steinwender-Schnitzius, Pastorin beim Evangelischen Rundfunkbeauftragten.
Musik (1 ) Ryuichi Sakamoto "Moto.Tronic" 2003 Autorin: Sie ist jung und engagiert. Singt für ihr Leben gern. Malt und tanzt. Hat ein Herz für die Armen, geht in den Kosovo und dann an die Uni. Studiert Theologie und Osteuropawissenschaften. Bricht zusammen und erfährt, daß sie Krebs hat: Maike Schneider. Zwei Jahre bekämpft sie den Krebs. Es gibt nichts, was sie nicht versucht: Sie macht neun Chemotherapien und eine Knochenmarktransplantation doch Weihnachten 2004 erfährt sie: alles war umsonst. Wenige Wochen später ist sie bereits tot. Zurück bleiben ihre Eltern und ihre beiden Schwestern, die zwei Jahre mit ihr gebetet, geweint, gelacht, geflucht haben - und die immer wieder gefragt haben. Warum Gott, warum ausgerechnet Maike? Eine Antwort haben sie bis heute nicht gefunden. Präses Nikolaus Schneider:
O-Ton: Ja, das ist für mich rätselhaft und auch fremd und dunkel. Ich habe bisher einen Gott erfahren, der es wirklich gut mit mir meinte. Natürlich gab es auch Enttäuschungen und Rückschläge, das auch. Aber dass der Tod so intensiv nach uns greift, dass haben wir bisher so nicht erfahren, sondern unser Gott war wirklich ein Gott des Lebens. Und das er nun dieses Leben hier so hat abbrechen lassen - also dass Krankheit zum Leben hinzu gehört, das wissen wir ja - und auch dass unser Leben der Vergänglichkeit unterworfen ist, das wissen wir auch - und dass da in diesem Zusammenhang ganz vieles passiert, was wir nicht verstehen können, das wissen wir auch, aber es bleibt für mich selber ganz persönlich - wirklich rätselhaft und schmerzhaft, warum das bei uns so geschehen ist. Da ist noch was zu klären, da hab ich selber mit Gott noch was zu klären.
Autorin: Maikes Mutter, Anne, der 57-jährigen Realschullehrerin für Religion und Mathematik, geht es ähnlich. Auch für sie gibt es keine Antwort auf die Frage nach dem Warum:
O-Ton: Ich kann einfach überhaupt weder ein pädagogische noch eine theologische Antwort darauf finden, warum das nötig war, dass Maike mit 22 Jahren gestorben ist. Gott kann nicht erwarten, dass man die Liebe zu ihm oder den Glauben zu ihm dadurch zeigt, dass man bereit ist, ein Kind zu opfern, und deswegen ist es für mich überhaupt kein Muster, dass ich denken könnte, Gott wollte gucken, ob mein Glaube stark genug ist, auch so einen Schmerz zu überstehen.
Autorin: Anne zweifelt nicht an Gottes Existenz daran, dass er Herr über Leben und Tod ist - aber sie kann und will nicht mehr mit ihm reden, als Maike im Sterben liegt. In ihrem Buch schreibt sie, sie habe sich damals eine Auszeit genommen aus ihrer Beziehung mit Gott. Sie habe keine Kraft mehr gehabt, mit Gott um Maikes Leben zu ringen.
O-Ton: Selbst eigentlich so in meiner tiefsten Verzweiflung ist nicht der Gedanke aufgetaucht, es gibt Gott nicht oder dann ist der ganze Glaube vergeblich, sondern es ist irgendwie mehr vergleichbar auch mit Zeiten von Entfremdung oder Missverstehen, die ich auch in der Beziehung zu meinem Mann manchmal verspüre, also dieses grundsätzliche Vertrauen nicht aufhört, dass Gott sich um mich kümmert, oder dass Gott letztendlich mich liebt und da ist. Und ich habe dann irgendwann - und im Grunde genommen schon im Sterben von Maike selber - das Gefühl wieder verstärkt gewonnen, dass Gott auch mich hält und meine Verzweiflung nicht bodenlos werden läßt und ich konnte wieder anfangen mit ihm zu sprechen.
Musik: (2) Ryuichi Sakamoto "Moto.Tronic" 2003
Autorin: Als Maike im Sterben lag aber auch während ihrer Krankheit hat die Familie oft zusammen gebetet und gesungen.: Worte von Menschen, die ähnliches erlebt haben und davon erzählen, von ihrer Angst und Verzweiflung, aber auch von ihrer Hoffnung. Maikes Vater, Nikolaus Schneider:
O-Ton: Geholfen hat mir die Verwurzelung in den großen Lebenstraditionen des Glaubens. Die Psalmen, die wir beten konnten und die wir auch mit Maike gebetet haben. Ich bin mir sicher, daß sie sie auch gehört hat. Die Lieder, der Liedschatz unserer Kirche. Wir haben gesungen für sie. Ich bin sicher auch mit ihr. Wir haben uns bei der Hand gefasst und haben Maike bei der Hand gefasst so dass sie in unserer Mitte war. Also aus dem Reichtum unseres Glaubens heraus konnten wir diese Zeit auch gestalten. Sie ging nicht einfach nur wie eine große Welle über uns hinweg. Mit allem Schmerz und mit aller Verzweiflung, die nach uns gegriffen hat, aber auch mit den Signalen des Lebens und der kommenden Welt Gottes und der bleibenden Gemeinschaft zwischen uns.
Autorin: Zu diesen Lieblingsliedern gehören die Zeilen von Dietrich Bonhoeffer: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Ausgespart hat Familie Schneider allerdings die dritte Strophe, in der es heißt: Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand. Für sie gab es keinen Grund, Leiden und Sterben dankbar und ohne Zittern aus Gottes Hand zu nehmen. Selbst Jesus hat dies nicht getan:
O-Ton: Wenn wir in der Passionsgeschichte nachlesen, wie Jesus selber die Zeit der Gefangennahme und des Zugehens dann auf seinen Tod erlebt hat, dann war das ja auch nicht so, dass Jesus sagte: Danke lieber Vater im Himmel, daß ich jetzt diesen Kelch nehmen darf, sondern er hat gesagt: Wenn es sein kann, dann laß den Kelch an mir vorübergehen.
Autorin: Und genau darin liegt auch der Trost von Anne und Nikolaus Schneider. Man muss den Kelch des Leids nicht dankbar und ohne Zittern nehmen. Man darf weinen, rebellieren, schreien und toben. Als Maike immer wieder auf der Krebsstation war, haben sie und ihre Mutter oft an fremdem Betten gesessen, Hände gehalten und gebetet. Anne Schneider erinnert sich:
O-Ton: Wir haben versucht, zu trösten damit, dass Gott auch bei uns ist, wenn wir weinen und jammern und nicht verstehen und dass Gottes Liebes es erträgt, wenn wir Gott anklagen. Und als es absehbar war, dass Maikes Kampf gegen die Leukämie vergeblich ist, waren das im Grunde dieselben Worte mit denen ich Maike dann trösten konnte und sagen: Du musst nicht das Sterben dankbar aus Gottes Hand nehmen. Du kannst am Leben festhalten und kannst sagen: Mein Gott, warum läßt Du mich jetzt sterben. Warum vernichtest du mein Leben, denn Jesus selber hat am Kreuz nicht ein Dankespsalm gebetet, sondern hat in dem Psalm Zuflucht und Trost gefunden: Mein Gott, warum hast du mich verlassen.
Musik: (2) Ryuichi Sakamoto "Moto.Tronic" 2003, Railroad man
Autorin: Am 3. Februar 2005 stirbt Maike. Doch ihre Eltern halten an Gott fest. Die Beziehung zu Gott sie geht nicht kaputt. Sie geht weiter trotz aller Risse und Zweifel. Ja, mehr noch, sie können sogar sagen, das Leid habe ihnen den Weg gewiesen: Am Sterbebett haben sie eine leise Melodie von Gottes neuer Welt gehört von neuem unverletzlichen Leben. Und das seien im wahrsten Sinne des Wortes wunderbare Gottesbegegnungen gewesen. Pfarrer Nikolaus Schneider:
O-Ton: Wir haben die schwere Seite, das Leid erlebt. Aber es hat uns einen Weg gewiesen. Nämlich den Weg zum Hause Gottes schon jetzt in dieser Welt. zu der Gegenwart Gottes schon jetzt in dieser Welt zu einer Liebe, die alles umfängt.
Autorin: Auch wenn es für sie spürbar geworden ist, das Reich Gottes, seine Nähe schon in dieser Welt - was immer auch bleibt, sind der Schmerz, die Trauer, auch in diesen Tagen des Advents:
O-Ton: Wir können nicht mehr so unbeschwert, und unbefangen Advent feiern, nach dem wir diese schmerzhafte Erfahrung gemacht haben. Also es ist nicht die Romantik mehr so umfassend bestimmend, die Romantik des neu geborenen Kindes und der Liebe Gottes, die sich darin zeigt, sondern daß dieses Kind auf das Kreuz zugeht. Dass gehörte immer schon zu unserer Botschaft, das haben wir auch immer gesagt, aber nun haben wir eine Erfahrung davon gemacht. Und das heißt die ganze Dimension der Weihnachtsbotschaft, das hier Gott Mensch wurde, um dem Tod nicht das letzte Wort zu lassen, sondern durch den Tod hindurch für das Leben einzustehen, was an Schwerem mit dieser Verheißung verbunden ist, das erleben wir sehr bewußt, in diesen Weihnachtstagen.
Autorin: Wir gehen durch den Tod ins Leben: sowie Jesus das ist die Botschaft von Weihnachten vom Ende, von Ostern her gedacht. Gott ist nicht ein Gott des Todes Gott ist ein Gott, der das Leben will. Ostern tröstet alle jene, die Weihnachten nicht feiern können, weil sie an den Sterbebetten ihrer Liebsten sitzen, an den Gräbern ihrer Toten weinen. Das Licht, das in diesen Tagen in die Welt kommt, wird durch die Dunkelheit des Todes gehen, - um Ostern - von der Auferstehung zu erzählen. Dass Gott ihnen in diesen Tagen beistehen möge und ihnen liebe Menschen an ihre Seite stellt, wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. Ihre Sabine Steinwender-Schnitzius, Pastorin aus Wuppertal.
Musik Ryuichi Sakamoto, "Moto.Tronic" 2003
Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist
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