Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.12.06, 8.56 Uhr, Pfarrerin Claudia Kiehn

Dankbarkeit

Mussten Sie sich als Kind auch schon mal für Geschenke bedanken, obwohl Sie es gar nicht wollten? Vielleicht sogar noch mit einem Knicks oder einem Diener?

Ich musste das, obwohl mir das Geschenk oft gar nicht gefiel. Aber es wurde von mir erwartet artig zu sein: Meine Mutter gab mir dann schon mal einen sanften Stoß in die Rippen, guckte streng und stellte mit scharfem Ton die rhetorische Frage: „Wie sagt man?“ – Und ich antwortete, etwas gepresst: „Danke schön!“

Ich erinnere mich an meine vorweihnachtliche Aufregung als Kind, wenn ich den Wunschzettel fertig geschrieben hatte. An meine Sorge, ob ich wohl in ein paar Tagen das bekommen würde, was ich mir am sehnlichsten wünschte. Denn damit hing die Frage zusammen, ob ich mich unter dem Weihnachtsbaum wirklich würde freuen können. Würde ich jubeln können und dankbar sein, weil ein Herzenswunsch in Erfüllung geht? Würde ich ein Danke in die Welt hinausschreien können vor Freude, oder würde ich nur Danke sagen, weil ich es sagen muss.

Heute ist das anders – diese Sorgen muss ich mir nicht mehr machen: Lange schon steht keiner mehr hinter mir und sagt „Na, wie heißt das?“ Und die Geschenke zu Weihnachten haben auch nicht mehr die Bedeutung wie in Kindertagen. Es hängt nicht mehr so viel davon ab. Vor allem aber weiß ich heute, Dankbarkeit kann man nicht erzwingen. Sie ist wichtig und Kinder müssen auch angeleitet werden, sie zu empfinden und zu äußern. Aber erzwingen kann man Dankbarkeit nicht. Sie stellt sich ein. Manchmal braucht sie dazu vielleicht ein bisschen „Nachhilfe“, weil die Dankbarkeit in unserem Alltag der Selbstverständlichkeiten unterzugehen droht. In einem modernen Kirchenlied heißt es in Anlehnung an den Psalm 103: „Vergiss nicht zu danken, dem ewigen Gott, er hat Dir viel Gutes getan.“

Vergiss nicht zu danken… Dankbarkeit ist eine christliche Grundhaltung, die man einüben kann. Wenn ich heute inne halte, merke ich: ich brauche keine Weihnachtsgeschenke, um dankbar zu sein. Und wenn ich zurückblicke, bleiben – trotz der Erinnerungen auch an schwere Stunden und Erlebnisse meines Lebens – so viele Gründe zu danken: Ich dankbar für die Menschen, denen ich Vertrauen kann, die mir Freude machen, die mich begleiten. Dankbar, ein Dach über dem Kopf zu haben, dankbar für die, die mich lieben. Dankbar für die Zeiten, in denen ich gesund war und für alle Gründe zu lachen. Diese Dankbarkeitsliste kann beliebig erweitert werden.

Meine Erfahrung ist: Wer dankbar ist, lebt glücklicher und freier! Wenn sich diese ungezwungene Dankbarkeit in mir einstellt, spüre ich sie in meinen ganzen Körper. Meine Augen beginnen zu leuchten. Mein Mund lächelt  und mein Brustkorb wird weit und frei, wenn ein solches DANKE in mir entsteht.

Gerade im Adventsstress geschieht das bei mir leider nicht einfach so. Dafür muss ich schon einen Moment bewusst innehalten und mich vorbereiten auf dieses kommende Weihnachtsfest. Ich muss mich für einen Moment frei machen vom Einkaufstrubel. Dann kann ich dankbar darauf blicken, dass sich Gott in der Adventszeit auf den Weg zu mir macht und sich in dem Kind, das geboren wird, an meine Seite stellt.


 

Audiobeitrag Dankbarkeit


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