Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.12.06, 8.56 Uhr, Pfarrerin Claudia Kiehn

Letzter verkaufsoffener Samstag vor Weihnachten

Letzter verkaufsoffener Samstag vor Weihnachten. In diesem Jahr sogar die letzte Gelegenheit vor den Feiertagen, Geschenke, Lebensmittel und andere Besorgungen zu machen.

Es werden noch einmal viele Menschen auf unseren Straßen unterwegs sein. Ich erinnere mich an diesen vierten verkaufsoffenen Samstag vor über zwanzig Jahren in meiner Schulzeit. Und an meine Schulfreundin Nikola. An diesem Samstagvormittag saßen wir in einem kleinen Café und tranken Kakao. Das Café war fast leer und die Innenstadt voll. Ganz ruhig und entspannt saßen wir zwei zusammen und sahen dem hektischen Treiben draußen zu: Da gab es die Menschen, die offenbar gerade noch die letzten Geschenke einkauften. Voll bepackt mit großen Tüten. Und die Menschen, die noch einen der letzten Weihnachtsbäume erwischt hatten und ihn nun durch die Fußgängerzone schleppten. Ich erinnere mich an diesen Kontrast noch wie heute – draußen war es lärmend, stressig und fast ein bisschen aggressiv und in uns und zwischen uns war es ganz ruhig. Das war für mich Advent. Vorbereitung auf Weihnachten. Voller Erwartung, dass etwas Großes geschieht. Voller Vorfreude auf die Geburt Jesu. Stundenlang saßen wir dort und genossen diese Stimmung.

Meine Freundin und ich saßen dort und schwelgten in Adventsfreude, weil wir für die drei letzten Jahre unserer Schulzeit gemeinsam ein für uns ehrgeiziges Projekt ausgerufen hatten: „Freier Samstag vor Weihnachten“ nannten wir es. Wir begannen dafür frühzeitig mit unseren Plänen, was wir wem schenken wollten, wo wir was besorgen wollten. Wir haben uns dabei gegenseitig unterstützt und ein bisschen auch kontrolliert, damit das auch funktioniert. Und es funktionierte.

Ich muss zugeben: es lag auch ein bisschen Arroganz in unserem Verhalten. Wir waren so stolz und glücklich, dass wir schon mit allem fertig waren: Wir hatten bereits alle Geschenke und alle Erledigungen in den vergangenen Wochen hinter uns gebracht. Wir mussten nun nicht mehr wie die „armen Menschen“ draußen durch die Gegend hetzen.

Mit dem Ende der Schulzeit endete auch unser gemeinsames Projekt. Irgendwie hatten wir es dann vergessen. Jahr für Jahr wurden die Verpflichtungen mehr. Beruf und unsere Familien stellten wachsende Ansprüche. An einen gemütlichen Kakao oder Kaffee war nicht mehr zu denken. Ich vermute: den meisten von Ihnen wird es heute ähnlich ergehen. Sie haben heute noch einen anstrengenden Tag vor sich. Es wird noch so manches geben, was Sie erledigen möchten.

Heute ärgere ich mich, dass er mir das schon so lange nicht mehr gelungen ist – der freie Samstag. Aber ich bin heute einmal freundlich mit mir: Wir sind eben alle keine Schulkinder mehr, die Ihre überschaubaren Weihnachtserledigungen gut geplant, frühzeitig abarbeiten könnten. Auch ich werde heute noch Einiges zu tun haben. Und ich werde dennoch nach zwanzig Jahren erstmalig wieder am heutigen Samstag eine Tasse Kakao in einem Café trinken gehen – vielleicht nur für eine Viertelstunde. Ich werde die geschäftigen Menschen draußen freundlich ansehen und wissen: ich irgendwie gehöre auch zu ihnen. Ich werde dankbar dort sitzen und mir Zeit nehmen, mich auf das morgige Weihnachtsfest zu freuen. Weil ich heute schon weiß: morgen wird uns der Engel eine große Freude verkünden, die allem Volk widerfahren soll. Denn dann ist uns der Heiland geboren.

Selbst wenn auch Sie heute noch einen strammen Arbeitsplan vor sich haben, sollten versuchen Sie dennoch sich ein wenig Zeit nehmen für eine Tasse Ihres Lieblingsgetränks und für diese ruhige Freude auf das Weihnachtsfest – vielleicht sogar mit einem alten Bekannten oder einen alter Schulfreundin.

Audiobeitrag Letzter verkaufsoffener Samstag vor Weihnachten


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