Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.12.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Dietmar Silbersiepe

Der "andere" Jahresrückblick

Unvergesslich, der Sommer 2006. Wir sind Weltmeister, jedenfalls Weltmeister der Herzen, auch der Herzen von vielen Menschen, die bei uns, den Freunden, zu Gast waren.

Kein Jahresrückblick in den letzten Wochen, der das nicht zum Thema hatte.Weltmeister sind wir auch im Verdrängen, im Ausblenden der großen lebenswichtigen Probleme in unserem Land, auf unserem Planeten. Das haben die Jahresrückblicke auch gezeigt! Leider! Wer war nicht alles da, bei Kerners Menschen 2006 im ZDF: Ulrich Wickert, Georg Hackl, Sönke Wortmann und der Kaiser Franz natürlich.

Aber wo waren die Kinder aus dem Sudan, wenigstens zwei von ihnen? Sie hätten uns erzählen können, wie oft sie Hunger haben und wie wenig zu essen. Wo waren ihre Eltern? Der gute Kerner hätte sie fragen können: Wie macht ihr das? Wie geht’s Euch in diesem täglichen Überlebenskampf? Und: Was erwartet Ihr, was erhofft Ihr Euch von uns, den Freunden in Deutschland? Wo war einer der deutschen Soldaten, die in diesem Jahr ihren Dienst quittiert haben, weil sie Auslandseinsätze der Bundeswehr ablehnen? Oder einer der britischen Offiziere, die ihren Einsatz im Irak aufgegeben und ihren Beruf an den Nagel gehängt haben? Man hätte sie fragen können, was sie vom Krieg halten und warum sie nicht mehr Soldat sein wollen.

Wo waren die beiden dunkelhäutigen Jugendlichen aus Quedlinburg, die auf offener Straße von Rechtsradikalen krankenhausreif geschlagen wurden? (Sie hätten Interessantes berichten können über die Vertreter der Justiz und der kommunalen Behörden, die den Vorgang bedauert und zu den Akten gelegt haben, obwohl die Straftäter bekannt sind.) Wir hätten erfahren, dass sich in diesem Jahr die Zahl rechtsradikal motivierter Straftaten verdoppelt hat im Vergleich zum Vorjahr. Wo war Ernst-Detlef Schulze aus Jena, Professor und Ökosystemforscher, im Oktober ausgezeichnet mit dem deutschen Umweltpreis? Er hätte uns erklären können, dass der CO2-Ausstoß in die Atmosphäre die Hauptursache ist für die globale Erderwärmung, dass die Öko-Katastrophenuhr auf zwei vor Zwölf steht, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt zum Umdenken und zum Handeln, wenn auch unsere Enkel noch auf diesem Planeten leben sollen.

Wo war Jesus bei Kerners Menschen 2006? Okay, der hätte nicht persönlich kommen können. Aber ich hätte in seinem Namen sprechen können. Jeder, der was auf ihn hält, kann in seinem Namen sprechen. Zum Beispiel so: Was wollt ihr tun, dass die Menschen in den Hungerregionen überleben können? Denkt daran: Was Du Dir selber gönnst, was Du selber mit Recht genießt, das soll anderen nicht vorenthalten bleiben. „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“. Wie wollt ihr den Krieg verhindern? Was wollt Ihr für den Frieden tun? Im Irak, im Nahen Osten, in Afghanistan? Denkt daran: Gewalt ist keine Lösung. Nie und nirgendwo haben Waffen und Gewalt ein Problem gelöst. „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen“. Sagt Jesus. Und weiter: Wie wollt Ihr dem Rassismus auf Euren Straßen begegnen? Denkt daran: Immer und überall soll die Welt zu Gast bei Freunden sein. Jeder Mensch ist geschaffen als Ebenbild Gottes. Was wollt Ihr tun für die Bewahrung der Natur, für den Erhalt des Lebens auf diesem Planeten? Denkt daran: Ihr seid für die Erde verantwortlich, Gott hat sie euch gegeben, sie „zu bebauen und zu bewahren“. Was wollt ihr tun, damit Ihr im nächsten Jahr sagen könnt: Wir sind Weltmeister. Weltmeister im Einsatz für die Gerechtigkeit, für den Frieden, für das Leben.

Audiobeitrag Der "andere" Jahresrückblick


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