Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.12.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Dietmar Silbersiepe

"Hürden, über die man kann"

Flughafen Düsseldorf, eine Cafeteria in der Abflughalle. Hier treffe ich Heike Börries, Diplompädagogin, Ende dreißig, eine attraktive, lebendige Frau,

der nicht auf die Stirn geschrieben steht, was dieser Ort für sie bedeutet. Hier ist sie durch die Hölle gegangen: vor zehn Jahren, als ihr Verlobter bei dem Flughafenbrand ums Leben kam. Seitdem beschäftigt sie sich viel mit Menschen, die traumatisiert worden sind. Das kann sie nur, weil sie ihr eigenes Trauma überwunden hat.
 
Jahre später wurde für sie der Flughafen erneut zu einem Ort, der sie persönlich herausforderte. Vor zwei Jahren hat sie hier mit anderen zusammen Überlebende des Tsunami in Empfang genommen. Wie es dazu kam?

O-Ton: Als ich den Tsunami gesehen hab, ist eben das passiert, was häufig bei mir passiert, wenn ich schreckliche Schicksale sehe, also ich muss mir ja nicht vorstellen, wie das ist, sondern ich muss mich eben nur erinnern wie’s war, und dann krieg ich’n klares Gefühl dafür, wie ungefähr der andere sich fühlt, und als ich den Tsunami dann gesehen hab (…), hab ich mir gedacht, ja, biete einfach mal Hilfe an.

Autor: Aus der spontanen Bereitschaft wurde ein längerfristiges Engagement. Noch heute leitet sie zusammen mit anderen eine regionale Gruppe, in der sich Betroffene des Tsumani regelmäßig treffen. Für sie ist Heike Börries ein lebendes Beispiel dafür, dass es ein Danach gibt, dass man an Schicksalsschlägen nicht zerbrechen muss.

O-Ton: Ich glaube, dass das Leben, auch wenn ich jetzt zum Teil grenzwertige Fälle kennen gelernt habe, aber ich glaub, dass das Leben einem Hürden schickt, über die man kann, wenn man zum einem will, wenn man auch’n bisschen Glück hat und wenn man sich auch anderen anvertraut.

Autor: Auch in diesem Jahr gibt es wieder mit der Gruppe der Tsunami-Angehörigen ein Jahresgedenken in Thailand. Wie war das im vergangenen Jahr am Strand von Khao Lak, als Heike Börries dabei war?

O-Ton: Das hat vielen Angehörigen, ja, Klarheit gegeben, dass, ja, derjenige keine Chance hatte, also dass die Natur gesagt hat: Ich zeig mich von meiner bösen Seite, ja.

Autor: Der „bösen Seite“ des Lebens, die Heike Börries selber schmerzhaft erfuhr, ist im Düsseldorfer Flughafen ein Gedenkraum gewidmet. Die Namen der Opfer des Brandes vor zehn Jahren sind in einer grauen Steinplatte eingraviert, auch der Name ihres Verlobten. Hier im Gedenkraum frage ich: Was die selber Betroffene einem Menschen sagt, der um seine Liebste, seinen Liebsten trauert?

O-Ton: Als ich mit den Angehörigen in Thailand war, hab ich gar nicht viel gesagt. Ich weiß, ich kann nur dabei sein und mit dem anderen ertragen, was er ertragen muss, man kann nur nicht weggehen von dem, der was ertragen muss, das ist, glaube ich, die größte Hilfe.

Autor: Und einander darin stärken, das Unabänderliche hinzunehmen.

O-Ton: Er kann nicht wiederkommen auch wenn er noch so will und ich muss ihn gehen lassen, weil ich keine andere Wahl habe. Und das wäre für mich schlimm, aber auch für den, der gehen muss, wenn ich versuchen würde, ihn zu halten in dieser Welt.

Autor: Auch wenn es noch so schwer ist, Heike Börries hat gelernt loszulassen, den Liebsten loszulassen und das Leben neu in die Hand zu nehmen. Darin möchte sie gerne Vorbild sein,  ein Licht in der Finsternis – nicht nur zu Weihnachten.


 

Audiobeitrag "Hürden, über die man kann"


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