Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.12.06, 6.56 Uhr, Pfarrer Frank Küchler

Ich lebe jetzt!

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Vor einiger Zeit besuchte ich eine ältere Dame. Sie hatte eine schwere Zeit hinter sich gebracht:

eine schwierige Operation und viele Tage auf der Intensivstation. Quälend lange Nächte, die nicht enden wollten. Schließlich war sie sehr erschöpft von alledem und es dauerte lange, bis sie wieder zu Kräften gekommen war. In der Rückschau auf ihr Leben sagte sie mir: wissen sie, wir haben immer gesagt: später mal! Mit „wir“ meinte sie sich selbst und ihren inzwischen verstorbenen Ehemann. Das Leben der Eheleute war von vielerlei Arbeit bestimmt. Das Schöne, das Angenehme, wie z.B. ausgedehnte Reisen, das hatten die Eheleute auf die Zeit nach der Rente verschoben. Vorher gab es immer nur Arbeit und noch mal Arbeit. Die beiden waren selbständig und hatten ein Geschäft. Sie waren ständig auf Trab und gönnten sich nur selten etwas. In der Rückschau hatte sie erkannt: das war falsch gewesen. Das machte sie auch traurig und ihr Leben kam ihr manches Mal - überspitzt gesagt – wie eine Reihe verpasster Gelegenheiten vor.
 
„Jetzt ist das Leben, ich lebe jetzt, das ist die richtige Einstellung,“ sagte sie mir darum. Sie wirkte sehr energisch und entschieden. Trotz ihrer Schwäche sprach sie mit großem Nachdruck. Ich konnte merken, dass es ihr damit sehr ernst war. So ist es manchmal. Es gibt Einsichten, die kommen erst spät im Leben. Das kann dann sehr wehtun. Doch sie hatte die Trauer und den Schmerz über  diese späte Einsicht schon ein gutes Stück bewältigt. Für mich als Besucher war es sehr schön, zu spüren, dass durch den Schmerz und die Trauer hindurch schon  diese Entschiedenheit und Festigkeit in ihr gewachsen war.

Ich fragte sie neugierig: „Und nun, was fangen sie damit an, mit dieser späten Einsicht?“  Sie lächelte, und sagte: ach, wenn ich das alles hier überstanden habe und  einmal wieder bei Kräften bin, dann… Also, es ist so: vor einiger Zeit habe ich durch einen Zufall einen Mitschüler getroffen. Viele Jahre hatten wir uns nicht gesehen und nun standen wir da auf dem Markt und waren miteinander ins Gespräch gekommen. Es stellte sich heraus, dass er seine Frau in demselben Jahr verloren hatte wie ich meinen Mann. Na ja, es war richtig schön, gemeinsam in alten Erinnerungen zu schwelgen und wir haben viel gelacht.

Einige Wochen nach diesem Treffen bekam ich einen Brief von ihm. Woher der wohl meine Adresse wusste? Jedenfalls war der Brief sehr nett geschrieben. Er wollte mich gerne wieder treffen und er machte mir Vorschläge. Wir könnten doch einmal gemeinsam hierhin oder dorthin fahren. Ich habe ihm zurück geschrieben und mich für den Brief bedankt. Aber auf seine Vorschläge für gemeinsame Unternehmungen bin ich gar nicht eingegangen. Doch er ließ nicht locker und schrieb mir wieder einen Brief. Tja, und dann kam das hier, also die Krankheit, dazwischen. Ich war so hin – und her gerissen. Ich merkte, dass ich mir das eigentlich gut vorstellen konnte, so eine gemeinsame Unternehmung mit Friedrich, also, so heißt der Klassenkamerad. Aber ich hatte auch Vorbehalte, dachte, das ist vielleicht noch zu früh. Der Tod meines Mannes liegt jetzt gut zweieinhalb Jahre zurück. Außerdem, was würden meine Kinder dazu sagen, wenn ich denen erzähle: ich bin mit meinem alten Klassenkameraden Friedrich unterwegs? Eine zeitlang dachte ich,  es sei besser, mit solchen Unternehmungen zu warten. Aber in dieser Zeit, wo ich hier so krank gelegen habe, habe ich über vieles nachgedacht. Und ich habe mir vorgenommen, dem Friedrich einen Brief zu schreiben. Ich werde ihm darin sagen, dass ich Lust habe, mit ihm eine solche Fahrt zu machen. Wenn ich wieder zu Kräften gekommen bin. Ist doch klar, sagte ich, „jetzt ist das Leben, ich lebe jetzt“ – das ist doch ihr neues Motto!

Audiobeitrag Ich lebe jetzt!


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