| |
Nikolaus
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Haben sie heute früh etwas Schönes vorgefunden in ihrem Pantoffel vor ihrem Bett? Oder wo auch immer.
Einen Schokoladen Nikolaus, oder ein paar Socken vielleicht? In der Klinik, in der ich arbeite, bringen wir Seelsorger immer einen Weckmann auf jede Station. Rechtzeitig vor dem Frühstück. Dann freuen sich die Ärzte und Krankenschwestern. Ob Pantoffel, Schokoladen Nikolaus oder Weckmann: am 6. Dezember wird in jedem Jahr an Nikolaus erinnert, der im 4. Jh. Bischof in Kleinasien gewesen ist. Um seine Person ranken sich eine ganze Reihe von Erzählungen und Legenden. Mir begegnete die erste Legende, als ich Schüler in der Grundschule war. Ich weiß noch genau: in unserem Lesebuch stand die Geschichte, wie Nikolaus in einer Hungersnot ein Schiff mit einer Getreideladung organisierte. So wurden die Menschen vor dem Hungertod gerettet. Ein Bild von diesem Segelschiff war auch dabei. Wieder eine andere Legende erzählt ein Bild, das seit vielen Jahren in meinem Büro einen Ehrenplatz hat. Ich habe es richtig lieb gewonnen. Das Bild hat eine Unterschrift. Da steht: Nikolaus rettet einen unschuldig zum Tod verurteilten Mann. Diese Rettung ist ganz sinnfällig dargestellt: man sieht den zum Tode verurteilten Mann, und man sieht den Henker. Der holt mit seinem Schwert weit aus, um den Verurteilten zu enthaupten. Und: dann ist da natürlich Nikolaus zu sehen in seinem Bischofsgewand. Er steht vor dem Henker, sein rechter Arm ist nach oben gereckt. Mit bloßer Hand (!) hält Nikolaus das Schwert des Henkers fest, das schon im Begriff ist, auf den Nacken des Todeskandidaten herunter zu sausen. In der anderen Hand hält Nikolaus die Bibel. Da weiß jeder Betrachter gleich Bescheid: hierauf gründet sich also das tapfere Eintreten des Nikolaus für diesen Todeskandidaten.
Diese gemalte Legende, hat auch heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Deshalb gefällt sie mir so gut. Angesichts scheußlicher Gewaltverbrechen, von denen ich in der Zeitung lese, habe ich in meinem Zorn und mit dem Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht schon manches mal gedacht: da hilft eigentlich nur Rübe ab! Zum Beispiel, als ich davon las, welches Unrecht der kürzlich verurteilte ehemalige Staatschef Saddam Hussein seinen Landsleuten angetan hat. Das Bild hingegen, auf der Nikolaus mit bloßer Hand dem Schwert des Henkers Einhalt gebietet, schärft mein Gewissen. Es atmet etwas von dem Geist, der Menschen vieler Religionen und Weltanschauungen miteinander verbindet. Wenn wir mal von den Fundamentalisten absehen
Zwei starke Argumente gegen die Todesstrafe verbinden sich für mich mit diesem Bild: 1. Ein Staat kann niemals hundertprozentig sicher sein, dass ein Gericht sich irrt und einen unschuldigen Menschen hinrichten lässt. 2. Die Endgültigkeit der Todesstrafe steht der christlichen Auffassung entgegen, dass es Umkehr, dass es Erneuerung im Herzen eines Menschen geben kann. Selbst dann wenn es sich um einen Erzschurken wie Saddam Hussein handelt.
Gott ist auch mit den Menschen, die durch Gewaltverbrechen schwere Schuld auf sich geladen haben, nicht einfach fertig. Rübe ab, das ist eine verständliche menschliche Regung. Rübe ab das ist Ausdruck von Zorn und Hilflosigkeit über geschehenes Unrecht. Aber - es ist nicht das, was Gott mit einem Menschen im Sinn hat. Daran erinnert mich mein Bild vom Nikolaus, der dem Schwert des Henkers mit bloßer Hand Einhalt gebietet. Danke, lieber Nikolaus!
Nikolaus
|