Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.12.06, 7.50 Uhr, Pfarrer Frank Küchler

O Heiland, reiß die Himmel auf...

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Lieblings-Adventslied heißt: „O Heiland, reiß die Himmel auf.“

Es ist an einige Bibelverse aus dem Buch des Propheten Jesaja angelehnt. Friedrich Spee hat es 1622 gedichtet.

Sprecherin: O Heiland reiß die Himmel auf! Herab, herab vom Himmel, lauf!
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

O Gott, ein Tau vom Himmel gieß, im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.

O Erd schlag aus, schlag aus, o Erd, dass Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring, o Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal.

Autor: Ein beeindruckender Mann, dieser Friedrich Spee! Als einer der wenigen hatte er sich deutlich gegen den Wahnsinn und das Unrecht der Hexenprozesse gewandt. Er hat die verurteilten oder eingekerkerten Frauen seelsorgerlich begleitet und hat versucht, sie zu trösten, so gut es eben möglich war. Die Zeit der Hexenverfolgungen liegt Gott sei Dank hinter uns. Aber eines hat sich seit der Zeit, in der Friedrich von Spee gelebt hat, nicht geändert: Trost, den brauchen auch wir Menschen heute.

Ich weiß: das Trösten ist nicht selten verunglimpft worden. Trost wurde mit Vertröstung gleichgesetzt. Menschen bloß zu vertrösten, das steht der christlichen Gemeinde in der Tat nicht gut zu Gesicht! Also, wenn die Kirche soziale Ungerechtigkeiten einfach so hinnimmt, oder sogar als gottgegeben ansieht, dann ist das nicht in Ordnung. Ungerechtigkeit stinkt zum Himmel. Gerechtigkeit, das ist schließlich einer der biblischen Kernbegriffe. Gott will  Gerechtigkeit. Trost im Sinne von Vertröstung will er nicht. Es geht nicht darum, zuzukleistern, oder zu beschönigen, was  nicht in Ordnung ist. Das hat mit Trost nichts zu tun. Soziale Ungerechtigkeit, die kann man beheben, da gibt es nichts zu trösten. Trost, braucht ein Mensch, da, wo nichts mehr zu ändern ist. Wo man nichts mehr machen kann. Trost ist dort vonnöten, wo alle Aktivitäten an eine Grenze gestoßen sind. 

Freilich: wirklicher Trost, Trost, der von Gott kommt, den kann man nicht einfach machen. Er ist ein Geschenk Gottes. Er fängt damit an, dass der Schmerz ernst genommen wird und ausgehalten wird.  Ein Mensch, dem ein großes Unheil widerfahren ist, will nicht beschwichtigt werden. Sein Schmerz, seine Trauer muss gewürdigt werden. 

Ein Kind, das sein Kaninchen im Stall tot auffindet, will nicht hören: morgen gehen wir in die Zoohandlung und kaufen ein neues Kaninchen. Jemand der sich von seinem langjährigen Partner getrennt hat, will nicht hören: ach komm, es gibt noch so viele andere… Zum Trösten gehört der Mut, die Ohnmacht, die man selbst spürt, auszuhalten und nicht vor ihr fliehen zu wollen.

Manchmal ist es besser, einfach einmal gar nichts zu sagen. Sich zurück zu halten und nur die Hand des anderen zu nehmen und fest zu halten. Oder den anderen in den Arm zu nehmen und fest zu halten, damit die Tränen fließen können. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“ fragt Friedrich von Spee in seinem adventlichen Lied. Meine Antwort lautet: jeder und jede von uns kann einen anderen Menschen trösten. Gottes Trost kommt durch uns in die Welt. 

 

Audiobeitrag O Heiland, reiß die Himmel auf...


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