Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.12.06. 7.50 Uhr, Silke Janssen

"Macht hoch, die Tür"

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe! Wer ist der König der Ehre? Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre.

Er ist willkommen. Tore und Türen stehen offen, der Gast muss sich nicht erst bemühen, in das Haus zu kommen. Der Gastgeber hat die Tür geöffnet. Er hat den Gast erwartet, er freut sich auf ihn. 

Rund 3.000 Jahren alt ist dieser Psalm. David war gerade König in Israel geworden. Er hatte die Stadt Jerusalem erobert und sie zur Hauptstadt seines Königreiches gemacht. Nun gab es ein großes Fest: Das Volk Israel hatte endlich eine neue Hauptstadt und ein neues geistliches Zentrum. Ihr Heiligtum, die Bundeslade, kommt an einen festen Ort. Sie ist eine reich verzierte große Holzkiste mit heiligen Schriften und ein Symbol für Gottes Gegenwart. Das Volk freut sich, denn mit der Bundeslade zieht, symbolisch, ihr Gott, der Herr Zebaoth, in die Stadt ein. Der Jubel muss grenzenlos gewesen sein: „Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch“, „Heißt unseren Gott willkommen.“

Ein paar Jahrtausende später, genauer: 1623, zur Zeit des dreißigjährigen Krieges, dichtet Pfarrer Georg Weissel ein Lied, das einen anderen willkommen heißen soll: Jesus Christus. Es wird eines der bekanntesten Adventslieder. 

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: „Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat!“
  
Georg Weissel erinnert sich an den alten Psalm aus Davids Zeiten, als er den Text schreibt. Er selber verwendet ihn, als seine Kirche in Königsberg eingeweiht wird. Aber das Aha-Erlebnis war ein anderes: 

Es war während eines heftigen Schneesturms. Ein eiskalter Wind pfiff von der Ostseeküste und vor lauter Schnee konnte man die Hand nicht mehr vor den Augen erkennen. Pfarrer Weissel hatte gerade in der Nähe des Doms zu tun. Der Wind peitschte ihm die Schneeflocken ins Gesicht und nahm ihm fast den Atem. Mühsam und beinahe orientierungslos setzte er einen Schritt vor den anderen. Den mächtigen Dom konnte er erkennen. Schutzsuchend lief er auf seine Mauern zu. Die Augen fest auf das Domportal gerichtet, erreichte er die breite Treppe des Eingangs. In diesem Moment öffneten sich die Türen und der Glöckner des Doms lud ihn mit einer freundlichen Geste ein, einzutreten. „Willkommen im Hause des Herrn“, sagte er. „Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen. Ob Kaufmann oder Tagelöhner. Das Tor des Herrn steht jedem offen.“ 

Pfarrer Weissel hat aus dieser Begebenheit heraus ein Lied geschrieben, das später als Adventslied in die Gesangbücher aufgenommen wurde. Das Wort „Advent“ kommt von „advenire“. Aus dem Lateinischen übersetzt heißt das: „Ankommen, Ankunft“. In der Adventszeit denken Christen an die bevorstehende Geburt Jesu, an seine Ankunft in der Welt, und bereiten sich innerlich darauf vor.

„Macht die Türen weit auf für den Sohn Gottes“, ruft Weissel den Menschen zu. „Denn es kommt der Herr der Herrlichkeit. Einer, der Heil und Leben mit sich bringt, neues Leben, befreiendes Leben.“

Er ist sanftmütig,. Er regiert nicht mit Gewalt, sondern er ist barmherzig. Er hat ein Herz für Kranke und Notleidende. Er heilt sie, er hört ihnen zu und hilft ihnen  ihre Krankheit und Not zu lindern. Und - Jesus ist der neue König. In ihm ist Gott zu uns gekommen. Gott ist durch Jesus Mensch geworden, einer von uns, der genauso Probleme, Sorgen und Schwierigkeiten hatte wie wir. So hat sich Gott solidarisch mit den Menschen gezeigt und auch die tiefste Not mit ihnen geteilt. Durch den Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung hat er Leid und Tod überwunden. Und damit ist die Not der Menschen zu Ende, sagt Weissel in dem Lied. 
 
O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat!
Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein!
Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat. 
  
Das Land und die Stadt können sich glücklich schätzen, einen solche barmherzigen und sanftmütigen König zu haben. Er ist die rechte Freudensonn, er bringt Licht und Wärme, Fröhlichkeit und Zuversicht.

Was für eine Vision! Von einem Kanzler, König, Premierminister oder Präsidenten regiert zu werden, der Licht in das Land bringt. Bei dem sich das Volk nicht vor dem Dunkel fürchten muss. Bei dem es sich wohlfühlt und froh in die Zukunft schaut. Das keine Angst haben muss, weil er das Land so regiert, wie Gott es gerne hat.

Diesem König ruft Weissel voller Überzeugung zu: Komm in unser Leben! 

Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist;  ach zeuch mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein, dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr. 
  
Komm, o mein Heiland, in mein Herz lautet die Bitte. Ich habe Dir die Tür geöffnet.

Es gab übrigens schon zu Lebzeiten Georg Weissels einen Menschen, der genau das getan hat. Es war der reiche Kaufmann Sturgis. Mitten in Königsberg baute er sich ein kleines Schloss. Auf dem Nachbargrundstück allerdings lag ein Armen - und Siechenheim und die Armen und Behinderten gingen genau neben Sturgis’ Gartenzaun auf einem schmalen Fußweg in die Stadt oder sonntags zu Pfarrer Weissel in den Gottesdienst. Das störte Sturgis. Er kaufte kurzerhand das Nachbargrundstück, setzte an den Fußweg zwei große Tore und schloss sie zu.

Es wurde Advent und es war üblich, dass der Kirchenchor wohlhabenden Bürgern Adventslieder sang. Der Chor weigerte sich allerdings, für den hartherzigen Sturgis zu singen und blieb zusammen mit Pfarrer Weissel und den Armen und Behinderten einfach vor dem verschlossenen Tor stehen. Sturgis war entsetzt. Da beginnt Pfarrer Weissel, von Jesus Christus zu sprechen, dem König aller Könige, der als Heiland und Retter auf diese Welt gekommen ist. Zum Schluss ruft der Pfarrer: „Ich flehe euch an, Sturgis. Öffnet nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern euere Herzenstür und lasst den König aller Könige ein!“ Er gibt ein Zeichen und der Chor beginnt, das Lied zu singen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“.

Die Worte dringen in Sturgis' Herz. Er öffnet das Tor und bittet diese seltsame Menge aus Sängern, Armen und Kranken in sein Haus. Die Tore blieben von diesem Tag an übrigens immer offen. Und der Weg über das Grundstück hieß „Adventsweg“.

Kirche in WDR 3. Es spricht Frau Silke Janssen aus Essen über den Liedsatz von Max Reger “Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ nach einem Text von Georg Weissel. Es singt der RIAS-Kammerchor unter der Leitung von Uwe Gronostay..

 

Audiobeitrag "Macht hoch, die Tür"


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