Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.12.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Jochen Müller

Der andere Advent

Irgendwie sollte es dieses Jahr anders sein. Ich wollte nicht wieder einfach nur Zimtsterne, Glühwein, Lichterkette und Hektik.

Ich hatte das Bedürfnis, im Advent etwas anders zu machen. Anders als im letzten Jahr, aber eben auch anders als die übrige Zeit im Jahr. Gestaltet sein sollte sie schon, diese andere Zeit. Aber ich wollte mich auch überraschen lassen und nicht alles schon im Voraus wissen, nach dem Motto: „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.“ Ich will diese „andere Zeit“ in diesem Jahr bewusst erleben.

Deshalb haben wir dieses Jahr etwas anders gemacht. Wir haben gebastelt. Meine Frau und ich. Jeder hat zwölf Päckchen gemacht. Wir haben uns gegenseitig Dinge eingepackt, von denen wir meinen, der andere würde sich darüber freuen. Kleinigkeiten: Lebkuchen, einen besonderen Stift, eine Musik, ein selbst gemaltes Bild, einen gefundenen Stein, – was uns halt so eingefallen ist. Jetzt liegen die bunten Päckchen auf unserer Treppe und machen uns neugierig. Wenn wir aufstehen, laufen wir wie damals als Kinder als erstes zum Treppen-Kalender. Dabei kommt es überhaupt nicht auf die materiellen Werte an. Denn wir entdecken hinter den kleinen eingepackten Aufmerksamkeiten die Liebe des Partners. 

Das ist uns wichtig. Jeden Tag eine kleine Liebeserklärung. Jeden Tag verändert so ein kleines Päckchen unseren Weg in den Alltag. Anstatt wie jeden Morgen noch etwas müde nach unten zum eiligen Frühstück zu tappen, lassen wir uns jeden Tag neu überraschen. Die Kleinigkeiten, die wir auspacken, ändern unseren Blick auf den Alltag. Denn jeden Tag gibt es etwas zu entdecken. Man muss nur die Augen aufmachen und es sehen lernen.

Vielleicht fällt es mir dann ja mal auf, dass es der Frau an der Kasse im Laden heute wohl nicht so gut geht, oder ich freue mich über ein Kinderlachen. Die Päckchen machen mich neugierig und aufmerksam für das Leben um mich herum, so dass ich es mit anderen Augen sehe. So gestalten wir unsere Adventszeit und überraschen uns jeden Tag mit etwas Anderem. Wir merken, dass es uns gut tut, so unseren alltäglichen Trott zu unterbrechen.

Dabei hilft uns auch der Kalender „Der andere Advent“, vom Verlag AndereZeiten aus Hamburg. Jeden Tag im Advent macht er uns das Angebot: 12 Minuten raus, 12 Minuten nur für uns und Gott. Kein Telefon, keine Einkaufsliste, kein Radio. Kein „Hast du schon?“, kein „Denkst du dran?“, kein „Mach doch mal!“ Einfach da sein mit einem guten Text, mit einem schönen Bild, mit einer Kerze, mit reservierter Zeit. „Zeit für Dich“. Damit diese Adventszeit eine andere Zeit als sonst werden kann, brauche ich diese Freiräume, in denen ich Neues entdecken kann. Es ist spannend sich so unterbrechen zu lassen. Manchmal fällt es uns schwer, uns die Zeit zu nehmen, weil wir meinen wir müssten noch so viel machen. Trotzdem nehmen wir uns die Zeit, weil wir wissen, Gott ist als der ganz Andere in unsere Welt gekommen. Will er von uns vielleicht etwas ganz anderes, als immer nur zu funktionieren? Ich glaube, Gott will uns als Menschen, die offen sind für das Leben, das manchmal eben ganz anders ist, als wir uns das ausgedacht haben.


 

Audiobeitrag Der andere Advent


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