Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.12.06, 5.56 Uhr, Pfarrerin Elke Rudloff

Zwei Sorten Nikolaus

Als ich eben die Zeitung rein geholt habe, bin ich an drei Wohnungen vorbeigekommen. Vor jeder stand ein Schälchen mit Süßigkeiten. „Nette Nachbarn“ habe ich gedacht.

Denn jedes Jahr zu Nikolaus gibt es bei uns im Haus eine kleine Überraschung. Dazu gehört auch, sich nicht zu bedanken, sondern so zu tun, als ob der richtige Nikolaus nachts heimlich durch das Haus geschlichen sei.

Wobei der wahrscheinlich an unseren Türen vorbei gegangen wäre. Denn der richtige Nikolaus hatte ja nicht seine Nachbarn oder persönlichen Freunde beschenkt, sondern Menschen, die er nur entfernt kannte. Zum Beispiel drei arme Mädchen, die ihr Vater für ihre Aussteuer auf den Strich schicken wollte. Wie diese Mädchen waren alle, die der Nikolaus beschenkte, in echter Not. Deswegen gab´s bei ihm auch keine Schokolade, sondern Lebensmittel oder Geld.

Seit letztem Jahr weiß ich, dass der richtige Nikolaus trotzdem noch unterwegs sein muss. Oder zumindest einen Nachfahren mit ähnlichen Absichten hat. Ich habe ihn frühmorgens in einer Kapelle entdeckt. Unauffällig und etwas müde um die Augen saß er in einer Bank. So wie ein Mann, der auf dem Weg ins Büro einen Zwischenstopp einlegt. Plötzlich kam ein Seufzer aus einer Ecke. Der Mann - ich nenne ihn ab jetzt einfach Nikolaus - kniff die Augen zusammen. Dann schlich er sich im Kerzenlicht an das Geräusch heran. Ich starrte in die Dunkelheit und entdeckte auf der anderen Seite der Kapelle ein Bündel Mensch: Da schlief jemand auf einer Kirchenbank. Ich rückte etwas näher, bis ich genauer sehen konnte. Da lag ein Mann. Mit dunkler Haut und leicht schräg stehenden Augen. Er sah aus, als käme er aus Asien. Sein Gesicht war mager und hatte scharfe Konturen. So als hätte er Schlimmes erlebt und wäre dadurch vorzeitig gealtert. Auch seine Kleidung wirkte ärmlich und war eindeutig zu dünn für diese Temperaturen. Es rührte mich, wie er da lag. Doch zugleich spürte ich eine innere Scheu, mich noch weiter zu nähern.

Der Nikolaus wird ähnliches empfunden haben, denn er setzte sich nur still in eine Bank und blickte auf den Boden. Er sah aus, als ob er nachdachte. Dann stand er rasch auf und ging leise aus der Kapelle hinaus.

Am nächsten Morgen fuhr ich wieder dorthin. Ich war neugierig und wollte sehen, ob die Geschichte weiterging. Als ich die Kapelle betrat, gab der „Nikolaus“ dem Fremden gerade ein Tüte Milch und Brötchen. Dann packte er einen dicken Wollpullover, ein paar Socken, einen Ring Wurst und Käse aus seinem Leinenbeutel. Der Fremde sah ihn mit warmen leuchtenden Augen an.  Dann nahm er seine  Hand und sagte ein paar Worte. Die schien der „Nikolaus“ nicht zu  verstehen- doch das war egal, denn die Situation sprach für sich.

Eigentlich ganz einfach, dachte ich, als ich die Szene aus der Ferne beobachtete. Essen, Trinken und warme Kleidung. Eine Erste-Hilfe-Aktion ohne großen Aufwand. Das hatte der Nikolaus aus der Legende auch getan. Doch dieser Nikolaus in der Kapelle tat noch mehr. Er zeigte sein Gesicht und sprach mit dem Fremden. Als wollte er Vertrauen aufbauen, ohne selbst zu wissen, wohin ihn diese Begegnung wohl führen würde.

Seit diesem Erlebnis sehe ich im Nikolaus nicht nur einen uralten Heiligen oder freundlichen Nachbarn. Sondern alle, die spontan etwas schenken können. Mal Schokolade. Und mal das täglich Brot.

Audiobeitrag Zwei Sorten Nikolaus


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