Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.12.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Jochen Müller

Leeres Blatt

Leeres Blatt vor der Nase. Keine Ahnung wie ich anfangen soll. „Man, was ein blödes Gefühl.“ Würd gern was schreiben, aber ich weiß nicht was.

So hab ich mich damals gefühlt. In der Schule: Klassenarbeit Deutsch. „Dein schönstes Weihnachten.“ Erstmal weißt du nicht, was du schreiben sollst. Dann kannst du dich nicht entscheiden, womit anfangen. Dann sitzt dir die Zeit im Nacken. Und das leere Blatt klagt dich an.

Musik: I am unwritten, can't read my mind, I'm undefined
I'm just beginning, the pen's in my hand, ending unplanned
Staring at the blank page before you
Open up the dirty window
Let the sun illuminate the words that you could not find

Overvoice: Ich bin unbeschrieben, kann meine Gedanken nicht verstehen, ich bin nicht festgelegt, fange gerade (erst) an; der Füller ist in meiner Hand, das Ende noch nicht geplant

Autor: So ein leeres Blatt ist nicht nur Anklage, sondern auch Chance. Die junge englische Sängerin Natascha Bedingfield singt von so einem leeren Blatt. Schnell wird klar, dass für sie das leere Blatt ein Symbol für das Leben ist. So kann unser Leben sein – jeden Tag: unbeschrieben, Gedanken sind noch nicht gedacht, das Leben ist noch nicht bis zu Ende geplant. Wir können neue Wege gehen.

Musik: I break tradition, sometimes my tries are outside the lines. We've been conditioned to not make mistakes, but I can't live that way.

Overvoice: Ich breche mit der Tradition, manchmal versuche ich es auch jenseits der Grenzen. Wir sind so erzogen, keine Fehler zu machen, aber ich kann so nicht leben.

Autor: Leeres Blatt. Neuanfang. „Ich breche mit der Tradition.“ Zu Neujahr hatte ich mir vorgenommen: ab jetzt schreibe ich Tagebuch. Hatte ich irgendwo gelesen, dass das gut sei. Seine Erinnerungen, das, was man erlebt hat, die Gefühle, all das aufzuschreiben und zu ordnen. Damit nicht ein Tag wie der andere einfach so vergeht, weil das Leben ja so kurz ist. Und dann habe ich einfach drauf los geschrieben in so eine schöne Kladde. Leeres Blatt – jeden Tag habe ich es ein bisschen gefüllt. Habe mir vorgenommen besonders das aufzuschreiben, was das Leben ein bisschen heller gemacht hat. Wo Licht rein gefallen ist in mein Leben.

Musik: Feel the rain on your skin
No one else can feel it for you
Only you can let it in
No one else, no one else
Can speak the words on your lips
Drench yourself in words unspoken
Live your life with eyes wide open
Today is where your book begins
The rest is still unwritten

Overvoice: Fühl den Regen auf deiner Haut
Niemand sonst kann ihn für dich fühlen
Nur du kannst ihn herein lassen
Niemand sonst, niemand sonst
kann mit deinem Mund sprechen
Tränke dich mit unausgesprochenen Worten
Lebe dein Leben mit weit offenen Augen
Heute beginnt dein Buch
Der Rest ist immer noch ungeschrieben.

Autor: Dieses Jahr will ich den Advent nutzen, um mir jeden Tag bewusst zu machen: dein Leben fängt heute neu an. Jeden Tag neu Advent. Ankunft. Ich sag mir selbst: Komm an in deiner Welt. Und ich bitte: Gott, komm du an bei uns. Noch ist es möglich. Noch bin ich unbeschrieben. Noch bin ich ein leeres Blatt. Ich werde mich nicht länger von Hemmungen, Traditionen und eingefahrenen Gleisen einengen lassen, sondern mein Leben leben mit weit offenen Augen, denn heute ist der Tag, an dem mein Leben beginnt. Der Rest ist immer noch unbeschrieben. Unwritten eben.

Musik: Drench yourself in words unspoken
Live your life with eyes wide open
Today is where your book begins
The rest is still unwritten


 

Audiobeitrag Leeres Blatt


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