Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.12.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Jochen Müller

Ladenschluss

Pünktlich zum Adventsgeschäft hat es unsere Landesregierung geschafft: Das Ladenschlussgesetz ist endgültig Schnee von gestern.

Ab jetzt dürfen die Geschäfte rund um die Uhr geöffnet sein. Jetzt kann ich auch noch um Mitternacht nach dem Parfum für meine Frau suchen. Selbst den neuen Drucker für meinen Vater kaufe ich erst, wenn ich aus dem Kino komme oder dann, wenn ich nicht mehr schlafen kann. Einzige Ausnahme: Der Sonntag. Doch da können wir ja auf einem der unzähligen Weihnachtsmärkte unserer Lieblingsbeschäftigung nachgehen und kaufen, kaufen, kaufen.

Ehrlich gesagt: Ich finde es unmöglich. Warum muss ich zu jeder Tages- und Nachtzeit einkaufen können? Kann nicht auch einmal Schluss sein? Feier-Abend? Zeit zum Feiern? Herbert Grönemeyer sang vor Jahren: „Ich kauf, ich kauf, ich kauf mir was, kaufen macht soviel Spaß, ich könnte ständig kaufen gehen, kaufen ist wunderschön.“ Jetzt können wir also endlich. Aber warum ist uns das so wichtig? Ist es wirklich nur Spaß, der uns in die Läden treibt, oder sind wir nicht längst Konsum-Getriebene. „Was, wenn ich nicht das Richtige finde?“ Ich sehe gehetzte Väter durch die Einkaufsstrassen rennen, gestresste Mütter an der Kasse stehen. Alles, weil es uns Spaß macht?

Ich glaube, Kaufen ist längst zur Ersatzreligion geworden. Weihnachten nicht länger die Erinnerung an die Geburt Jesu, sondern Anlass uns gegenseitig mit Geschenken zu überhäufen. Diese zu beschaffen – dem soll jetzt nichts mehr im Wege stehen. Die Verantwortlichen sprechen von einer notwendigen „Flexibilisierung der Arbeitszeiten“. Und: „Die Berufstätigen müssten auch die Gelegenheit haben, zu konsumieren“. Glaubt denn im Ernst einer daran, dass mehr Geld ausgegeben wird, wenn die Läden gar nicht mehr zumachen? Wo soll denn das ganze Geld herkommen, dass da ausgegeben werden soll, wenn gleichzeitig Gehälter und Renten eingefroren werden und andere jahrelang ohne Job bleiben?

Sicher, es können vielleicht vereinzelt Arbeitsplätze geschaffen werden. Doch was ist mit dem echten Einzelhandel, der sich keine große Belegschaft leisten kann, wie es die großen Kaufhäuser tun können? Da werden wieder einmal die Großen auf Kosten der Kleinen gewinnen. Und außerdem: Was bedeutet die neue Regelung eigentlich für die Familien der Kaufhaus-Angestellten. Durch den Wegfall des Ladenschlussgesetzes werden immer mehr Menschen gezwungen zu familienfeindlichen Zeiten zu arbeiten. Flexibilisierung heißt das Zauberwort.

Doch Kinder, Partner und pflegebedürftige Eltern lassen sich nicht so einfach flexibilisieren. Das Kind muss zur Schule, der Kinoabend findet nicht morgens um acht statt und die bettlägerige Mutter…? Sie alle brauchen verlässliche Zeiten. Ich meine, wir rauben uns die soziale Basis unseres Zusammenlebens, wenn wir da einfach gedankenlos mitmachen. Und das für das nachts gekaufte Parfum für meine Frau oder den Drucker für meinen Vater! Jesus sagt: „Niemand kann zwei Herren zugleich dienen. Er wird den einen vernachlässigen und den andern bevorzugen. Ihr könnt nicht beiden zugleich dienen: Gott und dem Geld.“ (Mt 6,24).

Ich hätte mir in dieser Adventszeit ein anderes gesellschafts-politisches Signal gewünscht, als wieder nur an das liebe Geld zu denken. Wie wäre es mal mit dem lieben Gott?

Audiobeitrag Ladenschluss


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