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Blickwechsel
Heute ist Buß- und Bettag welch ein Name! Er lässt nichts Gutes ahnen. Das klingt nach Abrechnung, Urteil, verurteilt sein. Buß- und Bettag, büßen und beten,
die Worte kommen dahergestampft, haben schwere Ladung im Schlepptau:
Sprecherin: Das sollst du mir büßen! Sprecher: Büßerhemd, Bußpredigt, Bußgeldkatalog; Sprecherin: Strafe verbüßen, abrechnen, zu Kreuze kriechen. Sprecher: Bet- Tante, runterbeten, Abbitte leisten, bitte, bitte machen...
Autor: Schluss damit!! Das ist nicht Buß- und Bettag. Das ist: Menschen schinden, Seelen quälen, demütigen... In Wahrheit lädt der Buß- und Bettag zum Perspektivwechsel ein: Uns selbst, vielleicht auch die Menschen um uns her, Gott und die Welt anders sehen. Den Blickwinkel ändern, neue Position beziehen, eine andere Sicht auf die Dinge bekommen. Muss nicht sein? Vielleicht nicht. Aber es bietet Überraschungen und kann sogar Spaß machen.
Musik: Jacques Loussier, Italian concerto Allegro (nach J.S. Bach) oder Georg Friedrich Händel, Suite in G-Dur, Satz 1
Autor: Künstler hatten an den Strassen und auf den Plätzen Holzkästen gebaut, 2 m breit und tief und hoch. Jeder Kasten farblich gestaltet und mit einem offenen Zugang. Manche leicht erhöht, andere zu ebener Erde. Menschen zögerten anfangs, hineinzugehen. Ich habe am ersten Tag auch einen Bogen um die Dinger gemacht. Dann wage ich es doch. Ich trete ein, schaue mich um. In der rechten Wand entdecke ich ein Loch, rechteckig, zum Durchschauen. Ich sehe nur einen kleinen Ausschnitt der dahinter liegenden Strasse. Ich rücke nach links, ich rücke nach rechts um meinen Blickwinkel zu erweitern. Dabei nehme ich den Ausschnitt, der sich mir zeigt, genauer wahr. Das ist spannender als ich dachte - und so probiere ich mehrere dieser Blick- Kästen aus. Vor der Kirche, beim Rathaus, im Schlosspark immer wieder neue Ausblicke, Einblicke, Durchblicke. Die eigene Stadt aus neuer Perspektive sehen, das ist mehr als unterhaltsam.
Ob wir den Buß- und Bettag nicht ähnlich nutzen können? Als Hilfe zum Blickwechsel? Drei Blick- Kästen stelle ich mir vor und möchte ich mit Ihnen betreten. Damit wir Ausschau halten.
Musik: Jacques Loussier, Sleepers, wake! (nach J. S.. Bach: Wachet auf.)
Autor: Als wir den ersten Blick- Kasten betreten, sind schon Kinder darin. Zum Glück ist der Fensterausschnitt so tief, das auch sie ungehindert hinausschauen können. Es macht ihnen sichtlich Spaß. Wir wollen uns schon zurückziehen, aber ihre Fröhlichkeit hält uns fest. Gegenseitig zeigen sie sich, was sie sehen; knuffen sich in die Seite, zeigen mit den Fingern und lachen. Sie stellen sich an verschiedenen Stellen auf und schauen durch das Fenster: Guck mal, wenn du hier stehst, dann siehst du nur den großen Baum dahinten; Vögel sind drin, sogar ein Nest. Und hier, hier ist die blöde Schule ganz weg! Kommt mal schnell, ganz witzig! Hier, der Hund da vorne, der läuft und die Leine hängt nach oben. Da ist keiner dran, der sie festhält ich hab den Mann abgeschnitten... So spielen sie mit ständigen Blickwechseln, entdecken immer wieder Neues. Unwillkürlich haben wir ihre Bewegungen verfolgt und haben mitgeschaut. Blickwechsel mit Kinderaugen sehen. Das ist ein Anfang. Aber der ist vielversprechend. Jesus Christus sagt sogar:
Sprecher: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr das Reich Gottes nicht ererben.
Musik: Jacques Loussier, Concerto in F-Moll, Menuett (nach Bach) oder Händel, Satz 2
Autor: In einem zweiten Kasten geschieht etwas ganz Anderes: hier ist statt des Fensterausschnittes ein Bildschirm. Ein Film wird gezeigt: Mensch gesucht ist der Titel.
Sprecherin: Eine Landschaftsaufnahme aus der Ferne; ein Weg schlängelt sich durchs Gebirge. Die Kamera fährt näher heran und bleibt nun fest auf einen Ausschnitt gerichtet. Man sieht: Das ist ein Mensch unterwegs. Kaufmann. Im Hinterhalt andere Menschen. Die überfallen den Kaufmann, rauben ihn aus; lassen ihn liegen und hauen ab. Aus der Ferne kommt ein Mann, Würdenträger, kommt näher, sieht hin und geht weiter. Ein zweiter Mann, ähnlich wie der Erste, aber anscheinend weniger bedeutend, kommt näher, sieht hin und geht vorbei. Ein dritter, ein Fremde, kommt näher, sieht den Mann und geht hin, leistet Erste Hilfe, nimmt den Verletzten mit ins nächste Dorf.
Musik: J.S. Bach, Wachet auf. Ausführung: German Brass
Autor: Der Film ist noch nicht zu Ende. Wir sehen dasselbe nun noch einmal aber aus anderem Blickwinkel; mit den Augen des Kaufmannes:
Sprecher: Der Weg ist nicht ganz ungefährlich. Ich habe es gewusst. Aber es gibt keinen anderen. Darum gehe ich besonders aufmerksam, schaue nach links und rechts; versuche, die Sträucher am Wegrand mit meinen Augen zu durchdringen. Aber es hilft nichts: Plötzlich sind die Räuber über mir, reißen mich zu Boden, verschwinden mit Geld und Waren. Da liege ich in der Sonne, kann kein Glied rühren. Alle Knochen tun weh, das Gesicht von Blut verschmiert. Ich kriege die Augen kaum auf, blinzle ein wenig. Wenn jetzt kein Mensch kommt, bin ich verloren. Hilfe rufen? Wer sollte mich hier am Wegrand finden? Doch! Das sind Schritte, fest und ruhig. Ist es nicht ein Priester, der da kommt?. Ich will den Mund aufreißen, will rufen kein Ton. Die Schritte sterben. Ich muss mich getäuscht haben.
Fast verliere ich das Bewusstsein, die Schmerzen lassen nicht nach, im Gegenteil: Jede kleine Bewegung wird zur Qual. Da wieder Schritte, oder? Mit aller Kraft versuche ich zu sehen. Ist das eine Uniform? Die kenne ich doch. Das ist Hilfe! Hoffnung und Schwäche machen mich fast besinnungslos. Als ich wieder wach werde, sind die Schritte nicht mehr zu hören. War es nur Einbildung? Ich falle zurück. Auch das Denken ist zu anstrengend. Irgendwann wache ich auf. Ich liege in einem Bett. Kopf und Arme, alles bandagiert. Jemand kommt, hat bemerkt, dass ich wach werde. Wo bin ich? Was ist los? Sie können von Glück sagen, so wie man Sie zugerichtet hat! Hat der Priester, oder nein, der andere mit der Uniform?? Priester? Uniform? Nein, ein Fremder war es, ein Ausländer, der hat Sie hergebracht. `Den konnt´ ich doch nicht einfach so liegen lassen´, hat er gemeint. Und die Kosten hat er auch übernommen, dieser Mensch.
Autor: Dann der Filmabspann: Das war im Rahmen der Aktion Blickwechsel der Film Mensch gesucht. Und noch ein merkwürdiger Zusatz: Übereinstimmung mit lebenden Personen sind nicht zufällig.
Musik: Händel Satz 3
Autor: Der dritte Blick-Kasten ist etwas ganz Besonderes: Er hat keinen Fensterausschnitt, dafür aber ein offenes Dach. Wir gehen hinein und wie auf Kommando legen wir unseren Kopf in den Nacken: Blauer Himmel, Wolken, Tauben in der Luft. Kindertage und Kinderträume kommen wieder: Auf der Wiese liegen und oben ein weiter, weiter Himmel. Wolken wie Segelschiffe, die ganze Welt in Bewegung; sie nimmt uns mit auf unendliche Reisen, Himmelsreisen - und lässt uns doch auf Erden ruhen. Wir schauen uns an, lächeln und haben noch nicht genug von diesen Blicken. Die Träume und Bilder mehren sich. Eine Leiter müsste her, eine Leiter an die Wand stellen, den Käfig verlassen und dann höher hinaus. Der Himmel ist doch offen, was soll uns da noch halten? Ob man die Leiter nicht hinauffliegen kann?
Jakob fällt mir ein. Der aus der Bibel. Der hat auch diesen Blick gehabt, damals auf der Flucht, Flucht vor seinem Bruder Esau, den er schmählich betrogen hat. Dem muss er aus den Augen. Unruhige Rast in der Nacht, ein hartes Lager, Stein als Kopfkissen. Und dann der Traum: Eine Leiter, nicht von unten nach oben, aber von oben nach unten, vom offenen Himmel zur Erde. Gestalten auf der Leiter, auf- und niedersteigend. Der Himmel ist nicht verschlossen, sagt ihm der Traum. Zuhause ist eine Tür zugeschlagen; hat er sich verbaut. Aber das muss nicht das Ende sein, nicht das letzte Wort.
Welch ein Blick-Kasten, welche Aussicht! Nicht nur ein Ausschnitt, nicht nur die kleine, enge Perspektive auf den eigenen Horizont - der Himmel offen! Dahin umkehren, den Blick wenden, den Kopf nicht schuldbewusst auf die Brust, sondern den Kopf im Nacken, Ausschau halten nach dem Gott, der seinen Himmel nicht verschließt nicht vor Jakob, dem Lügner und Betrüger, nicht vor David, dem Mörder und Ehebrecher, nicht vor einem Gekreuzigten oder einem Christenverfolger wie Saulus. Auch vor uns nicht? Nein, auch vor uns nicht.
Musik: Kanon, Der Himmel geht über allen auf... (EG 611)
Autor: Ging das gerade nicht zu schnell, das mit der Leiter und dem offenen Himmel? Wir müssen doch auch wieder runter? Wir können da oben doch nicht ewig rumschweben, oder? Nein, bestimmt nicht. Aber ohne Traum, ohne die andere Perspektive würden wir so schnell die Freude am Leben verlieren; ohne die blaue Hoffnung wird das Leben trist und eng. Und noch etwas Gutes hat das: Wenn ich einmal auf diese Wolkenleiter steige, alles von höherer, leichterer Warte aus sehe, dann erkenne ich um so besser, woran mein Leben krankt, wie ich gefangen und eingeengt bin und wofür ich mir Hilfe wünsche. Ich sehe besser, wohin ich aufbrechen will und wo ich mich bergen möchte. Ich sehe sozusagen ein wenig wie der liebe Gott mich sieht: Aus wohlwollender Höhe, aber ziemlich genau. Unter seinen Blicken werde ich verwandelt. Eugen Eckert, Musiker und Pfarrer in Frankfurt, hat dies so beschrieben:
Sprecherin: Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite: Herr, erbarme dich.Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich. Wandle sie in Stärke: Herr, erbarme dich. Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit bring ich vor dich. Wandle sie in Wärme: Herr, erbarme dich. Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat: Herr, erbarme dich.
Autor: Buß- und Bettag kein Tag der Abrechnung, vielmehr eine Einladung zum Blickwechsel auf dem Weg zum Menschen. Für mich gehört dazu auch der Blick zu Gott und dabei die Welt nicht aus den Augen lassen. Dieses Kunststück gelingt nur im Gebet, wenn wir die Augen schließen und den Blick weiten.
So lasst uns beten - für alle, die es verlernt haben, wie Kinder zu sehen, - die nicht mehr staunen und nichts Neues mehr entdecken, - die nur auf die Fassaden achten und ihrem Leben keine Veränderung mehr zutrauen, erheben wir unsere Augen zu Gott:
Wir beten - für alle, die auf der Flucht sind vor ihrer Schuld, - die Türen hinter sich zugeschlagen haben und nicht wissen, wo ihr Leben landet, - für alle, die unruhig schlafen, weil sie sich Sorgen ausgehalst haben, die sie nicht abtragen können, - für alle, die abgestürzt sind aus ihren Träumen von Glück und Erfolg, die fürchten, dass kein Gott sie noch ansieht und den Himmel einen Spalt breit öffnet, - für uns alle heben wir unsere Augen zu Gott:
Wir können mit Jesu Worten beten: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden, unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen, denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Buß- und Bettag: Wir üben den Blickwechsel und dürfen wissen, dass Gott uns im Blick hat. So sind wir behütet. Er hat ein Auge auf uns geworfen, so sieht er uns freundlich an. In seinem Blick ist Frieden. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Musik: Händel, Satz 4 oder: J. S .Bach: Wachet auf, ruft uns die Stimme (Orgel)
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