| |
Die Mördertreppe
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Klare Regeln und Verbote wirken einleuchtend. Wenn doch nur alles eindeutig und umfassend geregelt wäre,
dann wäre das Leben doch wesentlich einfacher. Dass so ein Konzept enge Grenzen hat, ist mir in meiner Zeit als Pastor in einem kleinen Dorf klargeworden. Damals wohnten wir über den Gemeinderäumen. Zu unserer Wohnung führte eine Treppe, die offensichtlich noch völlig ohne die Einschränkungen von Bauaufsichtsämtern oder DIN und ISO Zertifizierungen entstanden war. Wir nannten die steile Stiege sehr bald die Mördertreppe.
Als unsere beiden ältesten Kinder ihren Krabbelradius erweiterten, hatten wir ein Problem: Sollen wir oben ein Gitter vor die Treppe machen oder nicht? Wir haben das recht lange abgewogen und dann darauf verzichtet. Wir hätten sowieso einmal vergessen, das Gitter zu schließen. Und so haben unsere damals Kleinen das Treppensteigen gelernt. Beide sind auch einmal die Treppe heruntergepurzelt, aber das lief sehr glimpflich ab, denn in diesem Alter gehören ja dicke Windeln zur Normalausstattung. Der Effekt war, dass unsere Kinder sehr sichere Kletterer wurden und zielstrebig aber vorsichtig auch höchste Spielplatzrutschen besteigen konnten. Dass uns Eltern dabei manchmal angst und bange wurde, steht auf einem anderen Blatt.
Das ist natürlich eine wirklich banale Alltäglichkeit, aber die Grundfrage dahinter ist mir immer wieder begegnet. Verbote, strenge Regelungen und feste Anweisungen scheinen zuverlässig vor Gefahren zu bewahren. Aber sie verhindern eben auch die eigenständige Bewältigung dieser Gefahren und den selbstverantwortlichen Umgang mit den Aufgaben des Lebens. Dieser Konflikt durchzieht auch das Neue Testament: Hier das ausgefeilte Gesetzes- und Regelwerk Israels, das durch die pharisäischen Diskussionspartner Jesu noch verschärft wurde. Nur ja kein Regelverstoß, das Gebot ist heilig, der Mensch hat dahinter zurück zu treten, scheint hier die Maxime gewesen zu sein.
Auf der anderen Seite das Evangelium, das alle diese Regeln auflöst in die berühmt Formulierung etwa aus dem Evangelium des Lukas Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten, wie dich selbst. Das ist mehr, als eine Zusammenfassung der 10 Gebote. Hier ist alles enthalten, was das Leben gelingen lassen kann. Klare Anweisungen und Verbote scheinen einleuchtender und auch sicherer zu sein.
Das Neue Testament sieht den Menschen allerdings nicht als Erfüllungsgehilfen eines Katalogs göttlicher Regelanforderungen, denen er bedingungslos unterworfen ist. Wir sind zu einer verantwortlichen Freiheit vor Gott berufen. Und der Bezugsrahmen ist hier nicht der Gehorsam, sondern die Liebe zu Gott, zum anderen und nicht zuletzt auch zu uns selbst. Da kann der eine oder andere Absturz nicht ausblieben, um die Erfahrungen mit unserer Mördertreppe noch einmal zu bemühen. Aber da ist eben auch ein liebender Vater im Himmel, der uns auffängt und aufrichtet und das Unheile wieder heilt.
Die Mördertreppe
|