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"Dulce et decorum..."
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Gestern war Volkstrauertag. Früher hieß der wohl Heldengedenktag, aber nun gedenkt man aller Opfer der Kriege und der Gewalt.
Ich bin zwar selbst Soldat gewesen, aber ich habe nie verstanden, wie man den Krieg verherrlichen kann. Dass man als Christ etwas anderes sein kann, als ein entschiedener Gegner aller Kriege, ist mir schleierhaft. Der ganze Wahnsinn des Krieges ist mir in Verdun klargeworden.
Eingebettet in eine eher lauschige Hügellandschaft im französisch belgischen Grenzgebiet liegt ein Schlachtfeld, dessen Umrisse man bis heute leicht ausmachen kann. Obwohl das alles 90 Jahre her ist, wächst hier kein Baum zur normalen Größe heran und verkrüppelte Gewächse bedecken ein Areal, das mehrfach von Bomben und Granaten aufgewühlt worden ist. Es wirkt so, als weigere sich die Natur, über dem erlittenen Schrecken zur Tagesordnung überzugehen. Ein düsterer Ort, an dem man keine 15 Zentimeter tief graben kann, ohne auf Splitter oder Knochenreste zu treffen. Über einem Hügel erhebt sich ein großes kirchenähnliches Mahnmal in dessen Fundamente die sterblichen Überreste einer Generation europäischer junger Männer eingelassen sind. Abnutzungskrieg und Materialschlacht nannten die Herren Heerführer in ihren sicheren Bunkern das, was sie an unsäglichem Leid Menschen angetan haben.
Dabei ging es um Kriegsziele, die nicht erst heute völlig lächerlich erscheinen müssen. Hier sind junge Männer wenige hundert Meter von der rettenden Deckung entfernt verreckt weil sie den Weg durch das Sperrfeuer der Waffen nicht wagen konnten, die mit dem Segen der Kirchen beider Seiten versehen, das Schlachtfeld umpflügten. Geradezu wohltuend empfand ich da die multimediale Darstellung der Ereignisse in dem Grabmal selbst, die auf jedes falsche Pathos verzichtet.
Ganz anders wurde mir allerdings bei einer Gedenkfeier für die Gefallenen, die ganz in der Nähe auf einer Gräberstätte eines aussereuropäischen Kriegsteilnehmers abgehalten wurde. Aus dem tremolierenden Wortschwall des Redners verstand ich deutlich nur die Worte Dulce et decorum est pro patria mori. Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben. Das soll süß sein, mit einem Granatsplitter im Bauch nach stundenlangem Schmerzenskampf elend zu verrecken? Das soll ehrenvoll sein, sich mit verhungernden Kameraden um das letzte Stückchen Brot zu prügeln? Nie ist mir der Wahnsinn des Krieges deutlicher geworden, als in diesen Momenten.
Dass aus dem ehemaligen Heldengedenktag ein Volkstrauertag geworden ist, finde ich sehr berechtigt und dass bis heute Waffen mit dem Segen Gottes belegt werden, empört mich zutiefst. Mit dem Gott, der sich uns in seinem Sohn Jesus Christus offenbart, hat das nichts zu tun. Dieser Jesus ruft seinen schwertschwingenden Jünger Petrus zurück, obwohl der ihn in bester Absicht verteidigen möchte. Der lässt nicht seine Anhänger für seine Interessen sterben, wie es die Regel der Herrschenden bis heute ist, der geht selbst in den Tod für sie. Der will nicht den Tod der Widersacher und unser Opfer, selbst wenn es für die beste Sache der Welt wäre. Heilige Kriege? Höchstes Opfer für die gute Sache? Jesus will, dass wir leben und besiegt die Schatten des Todes durch sein eigenes Opfer. Deshalb führt diese Woche aus der Trauer über die Gewalt des Todes hin zum Ewigkeitssonntag.
"Dulce et decorum..."
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