Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.11.06, 7.50 Uhr, Pastor Wolfram Krebs

Buß- und Bettag

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Heute ist Buß- und Bettag. Den gibt es als kirchlichen Feiertag tatsächlich noch, obwohl er kein arbeitsfreier Tag mehr ist.

Warum ausgerechnet dieser Tag zur Mitfinanzierung der Pflegeversicherung geopfert wurde, weiß ich nicht. Vielleicht hängt es mit dem Namen zusammen. Wenn jemand zu mir sagt: „Das sollst du mir büßen“, dann wird es wirklich unangenehm und ich kenne niemanden, der sich über Bußgeldbescheide freut. Wenn die Bibel von Busse redet ist allerdings etwas ganz anderes gemeint. Da geht es um die Erneuerung des Sinnes, eine neue Ausrichtung zum Leben hin und einen neuen Anfang mit Gott. In unserem Sprachgebrauch ist das völlig verloren gegangen. Mit geducktem und gedemütigtem zu Kreuze kriechen im elenden Büßerhemd hat das biblische Wort Buße jedenfalls nichts zu tun. Und dass Gebet viel mehr sein kann, als das stille Betrachten der eigenen Befindlichkeit, kann von vielen neu entdeckt werden.

Ein Erlebnis meines Vaters ist mir da unvergesslich geblieben. Der war ein beliebter Laienprediger, der in meiner Heimat Wuppertal in vielen Gemeinden gerne gehört wurde. Er erzählte mir, dass er einmal um Demut gebetet habe. Nicht unbedingt deshalb, weil das ein wirkliches Anliegen gewesen sei, sondern weil man das wohl so macht. Die Folge war, dass ihm beim nächsten Gang auf die Kanzel deutlich wurde, dass er vorher mit einem Menschen noch dringlich etwas zu bereinigen habe. Dann blieb er mitten in der Predigt stecken, was ihm sonst nie passierte und beim Gang von der Kanzel stellte er fest, dass er sein Jackett mit hinten in die Hose gesteckt hatte. „Junge, bitte Gott nie um Sachen, die du eigentlich gar nicht willst!“ An diesen Rat habe ich mich immer gehalten, frömmelnde Konventionen haben in der Beziehung zu Gott keinen Platz. Wenn Christen beten, treten sie in die Gegenwart Gottes. Da verändert sich etwas. In den Psalmen kann man hervorragend beobachten, wie sich Erfahrungen Einzelner mit Gott zu Gebeten und Liedern verdichten, die ein ganzes Volk über die Jahrhunderte hinweg nachempfinden kann. Auch das Neue Testament überliefert Gebete, die bis heute ihre Tiefe und Kraft behalten haben.

Wenn Sie die Kraft des Gebetes neu- oder wiederentdecken möchten, will ich sie gerne zu einem kleinen Buß- und Bettagsexperiment ermuntern: Nehmen sie sich heute morgen ein paar Minuten Zeit und bringen sie ihren Alltag vor Gott. Die Kioskfrau, ihr Arbeitskollege mit seinen Sorgen, ihre Familie oder den Menschen auf dem Amt, alles was sie jetzt schon freut oder ängstigt. Beten Sie für die Menschen und Situationen ihres Alltags. Dazu braucht man keine gehobene Sprache oder ausgeklügelte Formulierungen. Bringen Sie das alles einfach mit ihren eigenen Worten in Gottes Gegenwart.

Ich weiß auch, dass es für nicht wenige eine Herausforderung bedeutet, dass der Schöpfer des Universums sich ausgerechnet für die Alltagssorgen eines Menschen unter Milliarden anderer interessieren sollte. Aber die Bibel ermuntert uns ausdrücklich dazu, auch mit den kleinen Dingen unseres Lebens vor Gott zu kommen. Und wenn Sie sich heute Abend etwas Zeit nehmen diesen Buß- und Bettag an Gott zurückzugeben und in seiner Gegenwart den Tag Revue passieren lassen, werden Sie feststellen, dass unser Vater im Himmel ihnen besonders nahe war und viele Situationen und Menschen vorbereitet hat für Sie. Diese erfreuliche Erfahrung kann man übrigens nicht nur am Buß- und Bettag machen.

 

Audiobeitrag Buß- und Bettag


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