Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.11.06, 7.50 Uhr, Pastor Wolfram Krebs

Mein Freund, der Baum

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Ganz am Anfang der Psalmen wird das Bild eines Baumes gebraucht, um ein kraftvolles und gelungenes Leben zu beschreiben.

Dabei gehören Pflanzen und Blumen nicht gerade zu meinen Spezialgebieten. Ich kann zwar einen Kaktus sicher von einer Rose unterscheiden, obwohl beide Pflanzen stachelbewehrt sind, aber viel weiter geht es in dieser Angelegenheit bei mir nicht. Um diesem Mangel etwas abzuhelfen habe ich mich einmal einer Gruppe angeschlossen, die von einem Förster durch den Wald geführt wurde. Der wusste lehrreich und interessant zu berichten. Als wir an einer Reihe von Buchen angekommen waren, ermunterte uns unser Waldmeister, doch einmal diese schönen Bäume zu umarmen, damit wir ein Gespür für ihr Leben bekämen. Das taten dann alle anderen auch mit mehr oder weniger emotionaler Beteiligung. Ich gestehe, dass ich einen Lachanfall nur mühsam unterdrücken konnte, denn diese Form von Gefühligkeit ist mir völlig fremd.

Das einzige mal, dass ich einen Baum umarmt habe, war im Alter von etwa 12 Jahren. Anders als so wäre ich nämlich nicht an die Zweige herangekommen, auf denen ich weiter nach oben klettern wollte. Aber ich war auch damals schon froh, dass niemand dabei zusah. Dabei finde ich Bäume sehr sympathisch, wenn man das so sagen darf. Sie sind für mich lebendige Beispiele von Standhaftigkeit, gelassener Kraft und einer Festigkeit, die aus dem Leben stammt und nicht aus der Verknöcherung. In und unter ihren Kronen pulsiert das Leben und wenn ich vom Frühstückstisch aus das muntere Treiben des Eichhörnchennachwuchses an ihrem Kindergartenbaumstamm betrachte, dann wird mir warm ums Herz. Die sprichwörtliche Gelassenheit eines Eichenbaums angesichts sich an ihm reibender Borstentiere hätte ich selbst auch gerne.

Es ist bestimmt kein Zufall, dass ausgerechnet das Bild eines Baumes den ersten aller Psalmen bestimmt. „Wohl dem, der über dem Gesetz des Herrn nachsinnt Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.“ Ein starkes Bild für ein sicher gegründetes und fruchtbares Leben, dass mir manchmal schon wie ein Gegenentwurf zu den dynamisch – mobilen Effizienzidealen unserer Tage vorkommt. Dabei geht es im Psalm nicht so sehr um den Baum selbst, sondern eher um die Nährquellen seiner Kraft.

„Wohl dem, der über dem Gesetz des Herrn nachsinnt Tag und Nacht!“ heißt es da und im Urtext steht hier nichts von nachsinnen, sondern vom Murmeln über Gottes Gesetz. Stilles Lesen war in Israel verpönt und tatsächlich dringen Gedanken, die wir optisch und akustisch wahrnehmen, viel tiefer in uns ein. Und es macht wohl den entscheidenden Unterscheid aus, ob das, was unsere Gedanken ausfüllt, das Geplärr belangloser Musik, marktschreierische Werbebotschaften und andere Erzeugnisse multimedialer Unterhaltungsindustrien sind. Oder Gottes Gedanken über das Leben und wertvolle, authentische Erfahrungen, in denen wir uns wiederfinden können. Ob mein Lebensbaum ein Bonsai – Bäumchen bleibt: Verkümmert, fruchtlos, pflegeintensiv und doch nur dekorativ oder ein starker Baum, der Halt gibt, der Früchte bringt und unter dessen Schatten das Leben gedeiht, das entscheidet sich wohl daran, aus welchen Quellen er sich nährt.

 

Audiobeitrag Mein Freund, der Baum


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