Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.11.06. 7.50 Uhr, Pastor Wolfram Krebs

Warum nicht schon früher?

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Zu den beklagenswertesten Mängeln unserer Tage gehört nach meiner Einschätzung die fehlende Bereitschaft und

Fähigkeit zu einem wirklichen Dialog zwischen den Kulturen und Religionen. Das zeigt sich aktuell an vielen Stellen und eine Verständigung gelingt auch den Profis eher selten, wie folgende kleine Geschichte zeigt. Ein altgedienter Missionsdirektor, der mehr als dreißig Jahre lang in Afrika wirkte, bereitete sich auf seinen wohlverdienten Ruhestand vor. Als die Zeit seines Abschieds näher kam, besuchte er noch einmal die Führer der Stämme, mit denen er so lange zusammengearbeitet hatte. Man fand wohltönende Worte für das gedeihliche Miteinander und die Festmähler, die ihm zu Ehren gegeben wurden, begannen etwas anstrengend zu werden. Irgendwann fragte ihn einer der Häuptlinge: „Sie haben viel Gutes für unsere Leute getan, die Hilfslieferungen, die Wasserleitungen, die ihre Männer gebaut haben, die Schulen, die sie uns geschenkt haben: Herzlichen Dank dafür. Aber warum waren sie eigentlich hier bei uns? Was bedeutet das denn, ein Christ zu sein?“

Und dann erzählte der altgewordene Missionsdirektor von Abraham, der die Weisung Gottes empfing, aus seinem Heimatland auszuwandern in ein Land, das Gott ihm zeigen würde. Von den Stammvätern erzählte er, von der Zeit Israels unter der Knechtschaft Ägyptens und der Befreiung durch Mose. Er sprach von der Wüstenwanderung, von dem Bund, den Gott am Sinai mit seinem Volk geschlossen hat, vom Gottesgesetz, von der Bewahrung Israels und von David, dem Mann nach Gottes Herzen und seinen Taten und Liedern. Der Missionsdirektor erzählte von den Propheten Gottes, die immer wieder sein Volk an die Verpflichtungen des Bundes erinnerten, von den Bedrohungen und Rettungen Israels durch den Gott, der diese Wirklichkeit durch sein Wort ins Sein gerufen hat. Er erzählte von Jesus aus Nazareth, in dem Gott sein Wesen offenbarte und der selbst in den Tod ging, damit niemand mehr an der Schuld seines Lebens verzweifeln muss. Er sprach von der Vergebung von Schuld und Sünden durch diese Tat und von den Nachfolgern Jesu, von dem die Christen ihren Namen herleiten, von den Taten und Briefen der Apostel, der Bildung der Gemeinden und irgendwann unterbrach ihn der Stammesfürst und sagte: „Das ist ja ungeheuer interessant, warum haben Sie mir das nicht viel früher erzählt?“

Die Antwort des Missionsdirektors ist mir nicht bekannt. Unsere Antworten schon eher. Die Einen sagen: Das weiß doch jeder, das ist doch Allgemeingut. Da gibt es den Religionsunterricht in den Schulen, die Unterweisungen der Kirche, Katechismen, Aberhunderte von Büchern zu dem Thema und nicht zuletzt das Internet, in dem jede mögliche und unmögliche Frage ihre Antwort findet. Wenn Ihr muslimischer Nachbar oder Einzelhändler sie nach ihrem Christentum fragen sollte, nützt ihnen das wenig. Ich fürchte, eine Vielzahl von Bewohnern des angeblich christlichen Abendlandes ist sich der Grundlegungen ihrer Kultur und ihres Glaubens nur schemenhaft bewusst, geschweige denn, dass sie überzeugend davon berichten könnten. Niemand darf so naiv sein, von dem Wissen um die Grundlagen unseres christlichen Glaubens die Lösung gesellschaftlicher Probleme zu erwarten. Ein kleiner Baustein zum Verständnis für die Vielen, die uns aus völlig anderen Kulturkreisen zugewachsen sind, ist dieses Wissen aber schon. Und eine Notwendigkeit zu einem fruchtbaren Dialog mit ihnen, ist das erst recht.

Audiobeitrag Warum nicht schon früher?


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