Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.11.06, 5.56 Uhr, Pastorin Beate Raguse

Bettag

An ihr erstes Gebet erinnert sei sich noch gut. Es war das einzige, das in ihrer Familie gesprochen wurde und auch das nur einmal die Woche.

„Komm, Herr Jesu sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen. Gutnappetit.“ Es war ein Sonntagsgebet. Nur sonntags aß die Familie zusammen und ihr Vater sprach die Worte. Nicht das es sonderlich feierlich geklungen hätte. Ihr Vater sprach wie immer, fast ein bisschen monoton. Trotzdem schienen ihm die Worte wichtig zu sein. Wer vor dem Beten von den saftig glänzenden Braten oder dem Rotkohl naschte, wurde prompt zurecht gewiesen.

Was sie von dem Gebet halten sollte, wusste sie nicht so recht. Dass Jesus kommen und Gast beim Mittagessen sein sollte, das war zwar unwahrscheinlich, aber trotzdem irgendwie eine schöne Vorstellung. Und die Worte? Die kamen ihr fremd und altmodisch vor. Im Kindergottesdienst hieß Jesus in allen Geschichten, ja eben: Jesus. Warum er jetzt Herr Jesus hieß, konnte sie sich nicht erklären. Nein, beten war nicht so leicht zu verstehen.

Auch ihre Freundin Hiltrud konnte ihr da nicht weiterhelfen. Bei der wurde jeden Tag gebetet. Vor dem Essen, nach dem Essen und abends las ihr Vater sogar noch was vor. Wenn sie bei Hiltrud zu Besuch war, verdrehten deren ältere Brüder immer die Augen oder schnitten Grimassen, sobald ihr Vater nach unten sah. Am liebsten hätte sie gelacht.

Dass Beten auch ganz anders sein konnte, hat sie erst viel später gelernt. Zunächst von Pater Pluche, einer Romanfigur. Alessandro Baricco lässt ihn in seinem Buch „Oceano Mare“ auftreten. Pluche sammelt Gebete, an jedem Ort, zu jeder Stunde. Er kennt das Gebet des Kindes, das kein ‚r’ rollen kann. Das Gebet des Arztes, der einen Kranken rettet und sich in dem Augenblick, in dem jener geheilt aufsteht, unendlich müde fühlt. 9502 Gebete hat der Pater in seinem Büchlein aufgeschrieben.„Gebete sammeln. Interessant“, denkt sie. Aber was sie vielmehr berührt, sind die Menschen, die beten.

Die Pastorin beim Frauengottesdienst, die Gott als Mutter anspricht. Ihre Freundin Carla, die sich im Gebet auch schon mal beklagt. Schließlich habe Gott ihr etwas versprochen, da dürfe sie auch danach fragen. Menschen, die ihr Bittgebet per e-mail oder Post nach Jerusalem schicken, damit es dort zwischen die Steine der Klagemauer gesteckt wird. Der Vater eines Studienfreundes, der sich weigert zu beten, wenn das Essen vom Discounter kommt. Das seien schließlich keine Lebensmittel, heißt sein Argument. Oder ihre Mutter, die manchmal als ihr kürzestes Gebet nur ein „Danke“ zum Himmel schickt, wenn sie besonders glücklich ist. Wann beten Menschen und was beten sie? Beten sie mit unaussprechlichem Seufzen, formulieren sie eigene Worte oder übernehmen sie das, was schon Generationen vor ihnen sprechen konnten? Es macht keinen Unterschied.

Gebete sind immer etwas ganz Persönliches. Auch wenn die Worte schon sehr alt sind. Das ist ihre aktuellste Entdeckung. Sie verdankt sie ihrem Vater. Denn als er zuletzt erzählte, wie seine Eltern und er nach dem Krieg hungerten, da verstand sie, wieso auch „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast, “ ein ganz persönliches Gebet sein kann.

Audiobeitrag Bettag


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