Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.11.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Jönk Schnitzius

Mit dem Bösen reden

In diesen Tagen beschäftigt besonders der Fall der 13jährigen Stefanie und ihres 36jährigen Peinigers aus Dresden die Öffentlichkeit. Zu Recht. Es ist einfach unfassbar.

Und böse. Vielleicht krank. Der Täter beobachtete sein Opfer lange, bevor er sie schließlich entführte, fünf Wochen lang quälte und vergewaltigte. Handschriftliche Hilferufe hatte die 13jährige bei nächtlichen Ausführungen fallen lassen, bis deren Finder die Polizei alarmierte. So wurde sie schließlich befreit nach der Unendlichkeit von 36 Tagen.

Jetzt steht der Täter vor Gericht. Wie ist nun umzugehen mit dem Bösen? Die öffentliche Meinung scheint zu sein: Wegschließen und dann den Schlüssel möglichst weit weg werfen. Ich meine: man muß mit dem Bösen reden. Immer wieder.  Und das kostet. Personal. Beamte in den Gefängnissen. Psychologen, Sozialarbeiter, Seelsorger. Und genau an denen wird gespart. Und das ist ein schwerer Fehler, meine ich.

Aber warum sollte man Geld ausgeben für jemanden, der so etwas Schreckliches getan hat, fragen viele. Gut, die bei denen es sich vielleicht noch lohnt: Jüngere, Menschen die nicht so böse waren , - bei denen – vielleicht. Aber so einer?

Nicht das sie mich falsch verstehen: Dieses Verbrechen muss angemessen bestraft werden und die Sicherheit des Opfers muss hergestellt sein.

Nur: was heißt angemessen? Ich weiß es nicht. Ich glaube nur, dass es notwendig ist, mit Menschen die Böses getan haben in Kontakt zu bleiben. Weiter mit ihnen zu sprechen. Um ihret und um unser Willen. Als Christ sage ich: weil jede und jeder Mensch Geschöpf Gottes ist und für Gott unaufgebbar.Als Bürger bin ich davon überzeugt, dass nicht allein eine Gefängnismauer oder ein Gitter oder eine Überwachungskamera Sicherheit schafft, sondern Gespräche von Mensch zu Mensch.

Vor einiger Zeit gab es eine erfolgreiche Kampange zum Thema: Drogenkonsum. Sie titelte: Sucht hat eine Geschichte. Sie machte so auf die Hintergründe von Suchtgeschichten aufmerksam. Und informierte über Möglichkeiten früher einzusteigen in den Ausstieg.

Sicher. Gewaltverbrechen und Drogensucht sind zwei unterschiedliche Dinge. Und es geht mir auch nicht um Patentrezepte. Nur: ich glaube, auch das Böse, der böse handelnde Mensch hat eine Geschichte.

Und die zu hören ist wichtig. Weil es sein könnte, das genau das mehr Sicherheit schafft. Nicht totale – die gibt es in dieser Welt eh nicht – aber eben mehr Sicherheit. Sicherheit durch Beziehung, durch reden und hören.

Und das kostet  - nicht die Welt, aber - Geld. Sonst ist da kein Ohr, das hört. Und niemand, der antwortet. Das sollte uns ein Mensch wert sein. Jeder.

Audiobeitrag Mit dem Bösen reden


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