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19.05-19.30 Uhr, Pfarrer Hans-Jürgen Diehl, Unverdiente Gnade
Liebe Hörerinnen und Hörer, gleich zu Beginn eine sehr persönli-che Frage an Sie: Gibt es für Sie ein Wort, das Ihre tiefsten Emp-findungen, Ihre beglückendsten Erfahrungen,
Kirche im WDR 5
Eine gottesdienstliche Sendung zum Reformationstag
Ansage: Zum Gedenktag an die Reformation übertragen wir eine gottes-dienstliche Feier mit Musik, Gebet und Gedanken von Pfr. Klaus J. Diehl, Witten Musik: Aus der Ouvertüren-Suite D-Dur Air von J.B. Bach Arrangement von Joh. Nitsch Flöte/Piano aus der CD in motion, Schulte u. Gerth-Verlag, 2002
Diehl: Liebe Hörerinnen und Hörer, gleich zu Beginn eine sehr persönli-che Frage an Sie: Gibt es für Sie ein Wort, das Ihre tiefsten Emp-findungen, Ihre beglückendsten Erfahrungen, Ihre alle menschli-che Vernunft und Logik übersteigende Erkenntnis zum Ausdruck bringen könnte? Ein Wort, das in Ihren Ohren süßer als Honig klingt, bei dem Sie immer wieder begeistert ins Schwärmen gera-ten können? Ist es das Wort Liebe oder Geborgenheit, mögli-cherweise die Erfahrung von Vertrauen oder Heimat, dem Sie diesen alle anderen Worte und Erfahrungen überragenden Rang zumessen würden. Ich möchte mit Ihnen über ein anderes Wort nachdenken: ein Wort, das zu einem der zentralen Begriffe der Reformation wurde. Zugleich ein Wort, in dem viele Christinnen und Christen durch Jahrhunderte hindurch immer wieder die ent-scheidendste, beglückendste Erfahrung ihres Lebens zusammen-fassen konnten. Das Wort, das ich meine, heißt - G n a d e. Lied: Spiritual Amazing grace, Amazing grace how sweet the Sound that saved a wretch like me. I once was lost but now I am found,
Diehl: Ein alter Spiritual mit einer vertrauten Melodie, die weltweit längst zu einem Ohrwurm geworden ist. Die Botschaft dieses Lie-des ist jedoch vielen eher fremd geblieben: Sprecherin: Bewundernswerte Gnade, wie süß klingst du, die einen Wicht wie mich gerettet hat. Einst war ich verloren, nun bin ich gefunden. Ich war blind, doch jetzt sehe ich. Diehl: Amazing grace
bewundernswerte Gnade: Der Mann, der diesen Text gedichtet hat, war John Newton. Er lebte im 18. Jahrhundert, war von Beruf Kapitän und verdiente viele Jahre hindurch sein Geld als Sklavenhändler., Tausende von Schwarzen verschleppte er von Westafrika über den Atlantik nach Nordamerika und ver-kaufte sie dort auf Sklavenmärkten wie Vieh. Doch erlebte dieser skrupellose Menschenhändler auf wundersame Weise seine Be-kehrung. Er wurde bekennender Christ. Die Erfahrung, durch Got-tes Gnade unerwartet ein neuer Mensch geworden zu sein, verän-derte sein Leben radikal. Er gab nicht nur unverzüglich sein ein-trägliches Geschäft als Sklavenhändler auf; er kämpfte fortan mit aller Entschlossenheit für die Abschaffung der Sklaverei. Die Gnade Gottes hatte ihm schlagartig die Augen dafür geöffnet: Gott will die Freiheit aller Menschen und niemand hat das Recht, ihnen diese Freiheit vorzuenthalten, sie zu unterjochen und wie Vieh zu behandeln. Lied:
Sprecherin Spiritual Amazing grace, 3. Strophe
How sweet the name of Jesus sounds in a believer s ear. It soothes his sorrows, heals the wounds, and drives away his fear.
Wie süß klingt der Name Jesus in den Ohren des Gläubigen. Er lindert seine Schmerzen, heilt die Wunden und verscheucht seine Furcht.
Diehl: Gnade als das Größte und Umwerfendste, das uns Menschen wi-derfahren kann: Ähnlich wie John Newton erlebte dies auch Jahr-hunderte vor ihm ein junger Mönch namens Martin Luther. Am 31. Oktober 1517 schlug er 95 brisante Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche: ein Fanal, mit der damals knapp 34jährige Mönch gegen die in seiner Sicht verderbliche Entwick-lung seiner Kirche zu Felde zog. Dem Thesenanschlag vorausge-gangen war ein jahrelanger innerer Kampf Martin Luthers um sei-ne Beziehung zu Gott. Wie steht Gott ganz persönlich zu mir? Wie kann ich die Gewissheit erhalten, dass Gott mir gnädig ist, d.h. dass seine Liebe am Ende größer ist als sein berechtigter Zorn über unsere menschliche Schuld, unsere Verfehlungen?
In dem vor einigen Jahren gedrehten Spielfilm Luther Er ver-änderte die Welt für immer wird dieses innere Ringen des jungen Mönches mit einem als grausam und unbarmherzig empfundenen Gott in einem Gespräch mit seinem Beichtvater dargestellt. Wäh-rend Luther in dem Schrecken vor einem am jüngsten Tage ver-dammenden Richter lebt, versucht dieser ihm mit Jesus Christus den barmherzigen Gott vor Augen zu stellen.
Akustische Einblendung Luther-Film:
Diehl: Neben den seelsorglichen Begegnungen und Gesprächen mit sei-nem verständnisvollen Beichtvater ist es vor allem das Studium des Neuen Testaments, das Luther zum Durchbruch hilft und ihn Gott nicht als verdammenden Richter-Gott, sondern als barmher-zigen Vater im Himmel sehen lehrt. Besonders die Beschäftigung mit dem Römerbrief des Apostels Paulus wurde für Martin Luther wie er es selber später formulierte zur Pforte des Paradieses. In einer zentralen Passage dieses Römerbriefes, im 8. Kapitel, heißt es: Sprecherin: Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns schei-den von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?
Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes, noch Tiefes, noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Römer 8, 31 35.38.39) Diehl: Die Entdeckung des barmherzigen Gottes, dessen Gnade allen Menschen ohne jede Vorbedingung gilt, stürzt Martin Luther in einen tief greifenden Konflikt mit seiner Kirche. Besonders der vom Papst befohlene Ablasshandel, mit dem Prachtbauten, wie der Petersdom in Rom, finanziert werden sollten, erregten Luthers zornigen Protest. Wie kann man nur verkünden, dass durch käuf-lich erworbenen Ablass die Verstorbenen aus den höllischen Qua-len des Fegefeuers erlöst werden?! Luther empörte vor allem, dass die Menschen auf diese Weise um den größten Schatz betrogen wurden, den Gott seiner Kirche anvertraut habe. Diesen Schatz soll die Kirche nicht gegen Bares verhökern, sondern gratis und freigebig unter die Menschen verteilen.
In der 63. seiner 95 Thesen, die Luther am 31. Oktober 1517 an die Tür der Wittenberger Schlosskirche nagelte, heißt es von die-sem Schatz: Sprecherin: Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes. Diehl: Da haben wir es wieder: das Wort Gnade. Was für den ehemaligen Sklavenhändler John Newton bewundernswert war, entdeckte der junge Mönch Martin Luther in seiner Klosterzelle als den größten Schatz der Kirche: Das Evangelium von der Gnade Gottes. Was heißt es für uns Menschen im 21. Jahrhundert, dass wir den Him-mel gratis bekommen und uns zeitliches Glück wie ewiges Heil weder erarbeiten, noch verdienen oder gar kaufen können? Musik: Aus der Ouvertüren-Suite D-Dur Air von J.S. Bach Arrangement von Joh. Nitsch Piano / Flöte
Diehl: Unser Leben wird erst reich und erfüllt durch das Geschenk der Gnade und Barmherzigkeit Gottes: Das war die gemeinsame Er-fahrung von Männern wie dem Apostel Paulus, dem Kapitän John Newton oder dem Mönch Mar-tin Luther. Doch teilen wir Menschen des 21. Jahrhunderts mit ihnen diese Erfahrung? Viele empfinden das Wort Gnade durchaus zwiespältig und es löst bei ihnen eher negative Gedanken und Empfindungen aus: Auf die Gnade eines anderen angewiesen, davon abhängig zu sein das möchten sie nicht. Gar um Gnade betteln zu müssen das ist für sie eine Horrorvorstellung.
Wir streben doch eher nach Selbstbestimmung und Unabhängig-keit. Das kann ich gut nachvollziehen: Frei über sein eigenes Le-ben bestimmen zu können das hat schon etwas Verlockendes. Aber müssen wir für dieses Streben nicht einen allzu hohen Preis zahlen? Ist es dadurch nicht kälter in unserer Gesellschaft gewor-den, weil wir uns gnadenloser gegenüber andern verhalten? Braucht nicht auch der Starke, der auf seine Unabhängigkeit Be-dachte wie der äußerlich souverän sein Schicksal Meisternde Gna-de? Die Erfahrung, um seiner selbst willen geliebt zu werden und angenommen zu sein? In durchaus provokanter Zuspitzung besingt Jan Vering in einem Lied unserer Tage die allen ohne Unterschied geltende Gnade: Lied: Gnade für die Welt, 1. Strophe mit kleinem Instrumentalvorspiel aus: Jan Vering, Alte Freunde neue Lieder Schulte u. Gerth-Verlag, 1990 Rechte: ABAKUS-Schallplatten und Musikverlag, Ulmtal
Gnade für den Starken, der Macht in Händen hält, und Gnade für den Schwachen, der ihm zum Opfer fällt. Gnade für den Dummen, der nichts mehr liebt als Geld, Gnade für die Welt. Gnade für den Spötter, der über alles lacht, und für den Resignierten, den nichts mehr lächeln macht. Gnade für den Sterbenden, den kein Glaube hält, Gnade für die Welt.
Diehl: Gnade für den Starken wie für den Schwachen, der ihm zum Opfer fällt? Gnade auch für den Spötter, der über alles lacht? Und am Ende selbst noch Gnade für Verbrecher und Terroristen, für Men-schenschinder und Ausbeuter? Wäre das nicht eine geradezu a-temberaubend leichtfertige, alles Gemeine und Böse verharmlo-sende Botschaft? Eine, die für die Opfer von Ausbeutung, Spott und Gewalt geradezu beleidigend wäre? Müsste hier nicht doch erst einmal Recht vor Gnade ergehen und Gerechtigkeit eingefor-dert statt Gnade in Aussicht gestellt werden?
Nein, Gnade darf nicht zu einem billigen Trostpflästerchen ver-kommen. Gnade ersetzt nicht die Gerechtigkeit. Insofern wird durch die Gnade das Recht nicht außer Kraft gesetzt. Die Frage ist nur: Ob wir auch bei dem gemeinsten Verbrecher noch mit einer Veränderung zum Guten rechnen und wodurch diese wohl be-wirkt wird? In unseren Augen war John Newton als Sklavenhänd-ler ein solch gemeiner Verbrecher. Verwandelt wurde er nicht durch eine gerechte Strafe für seine Menschenschinderei, sondern durch die Begegnung mit einem ihm gnädigen Gott, der ihn mit dem Erschrecken über die eigene Schuld und der verdienten Strafe nicht sich selbst überließ, sondern durch die Kraft seiner Gnade verwandelte. Durch die Erfahrung der Gnade Gottes wurde New-ton ein entschlossener Gegner des Sklavenhandels und ein leiden-schaftlicher Kämpfer für die Gleichberechtigung der Schwarzen. Nein, Gottes Gnade ist keine billige und folgenlose Gnade. Im-merhin hat Gott sich seine Gnade das Leben seines Sohnes am Kreuz kosten lassen. Jesus Christus starb für uns, damit wir trotz unserer Schuld nicht mehr den geringsten Zweifel an Gottes Barmherzigkeit haben müssen. Auch hier erging erst einmal Recht, in dem Jesus Christus die Strafe trug, die wir verdient hat-ten und so der Weg der Begnadigung für uns frei wurde. Lied: Gnade für die Welt, 3. Strophe: Gnade für den Jungen, der in der Uniform verreckt und für den, der dieses Kind in diese Uniform gesteckt. Gnade dem Ayatollah, der Krieg für heilig hält. Gnade für die Welt. Und Gnade für mich selber, der ich das alles weiß. Oh, Herr, mach meine Hände handeln und mach das Herz mir heiß. Lass mich die Gnade leben, die mich bei dir erhält. Gnade leben mitten in der Welt.
Diehl: Erfahrene Gnade, unverdiente Barmherzigkeit verführt eben nicht dazu, die Hände in den Schoß zu legen und unbeteiligt dem Trei-ben des Bösen in der Welt zuzusehen. Wer in seinem Leben die Erfahrung macht, dass Gott ihm trotz Schuld und Versagen mit bedingungsloser Barmherzigkeit begegnet, der wird sich mit hei-ßem Herzen für eine gerechtere Welt einsetzen. Den Himmel, die ewige Seligkeit, bekommen wir nur gratis. Und das ist gut so. Die Nachfolge Jesu Christi, das Leben aus dem Glauben heraus hier auf unserer Erde, das hat jedoch seinen Preis. Einen Preis, den Christinnen und Christen zu zahlen gerne bereit sind und darum eigene Trägheit und Bequemlichkeit überwinden und Zivilcourage und Bekennermut an den Tag legen.
Der Reformationstag mit seiner Botschaft vom Triumph der Gna-de Gottes, die allen Menschen gilt, stellt uns alle ob evangelisch, katholisch oder konfessionslos vor die Frage, ob wir uns dankbar als von Gott Beschenkte verstehen oder weiter darauf hinarbei-ten, uns das Glück unseres Lebens auf eigene Faust zu suchen oder es durch moralische Anstrengungen und durch religiöse Leis-tungen zu verdienen. Ich bekenne gerne: Ich bin dankbar, dass Gottes teure Gnade mein Leben bestimmt und mir die Kraft gibt, zuversichtlich den Herausforderungen meines Lebens zu begeg-nen. Musik: Aus der Ouvertüren-Suite D-Dur von J.S. Bach
Diehl: Lieber himmlischer Vater, guter Gott, wir meinen oft, uns den Himmel durch eigene Anstrengungen verdienen zu können und doch spüren wir dabei, wie wir immer wieder hinter den eigenen guten Vorsätzen zurück bleiben und eigene Schuld und Versagen uns belasten. Wie befreiend ist da die Botschaft, dass Du uns in Deiner unbegreiflichen Freigiebigkeit durch deinen Sohn Jesus Christus alles schenkst: Freude und Zufriedenheit in diesem Leben und strahlende Herrlichkeit in deiner künftigen Welt. Wir danken die für das Geschenk deiner Gnade und bitten dich: Lass uns mit heißem Herzen in dieser Gnade leben und durch sie befähigt werden, in unserer oft gnadenlosen Welt für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einzutreten. Vater unser im Himmel
Amen. Der Herr segne uns und behüte uns, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnä-dig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen. Musik: Choral: Ein feste Burg ist unser Gott
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Absage Sie hörten eine gottesdienstliche Sendung zum Reformationstag. Es sprach Pfr. Klaus J. Diehl aus Witten. Sie hörten einen Beitrag der evangelischen Kirche
Musik:
Ouvertüren-Suite D-Dur Air von J.B. Bach Arrangement von Joh. Nitsch Flöte/Piano aus der CD in motion, Schulte u. Gerth-Verlag, 2002
Amazing Grace, 1. Strophe aus der CD von 20 Gospel Favourites von Elvis Presley, BMG Entertainment, 1998
Gnade für die Welt, 1.+3 Strophe mit kleinem Instrumentalvorspiel aus: Jan Vering, Alte Freunde neue Lieder Schulte u. Gerth-Verlag, 1990 Rechte: ABAKUS-Schallplatten und Musikverlag, Ulmtal
Film:
Zitat: Akustische Einblendung von Martin Luther und v. Staupitz von der DVD Luther Er veränderte die Welt für immer, Produktion nfp teleart GmbH & Co. KG BRD, 2003
19.05-19.30 Uhr, Pfarrer Hans-Jürgen Diehl, Unverdiente Gnade
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