Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.11.06, 8.05 Uhr, Pfarrerin Helga Warsen

Lasset eure Lichter brennen

November- das klingt anders als die vorangegangenen Herbstmonate. Konnten wir den Oktober noch den goldenen nennen, so kommt uns für den November eher die Farbe Grau

in den Sinn. Ja, in Gedichten ist vom „traurigen Monat November“ die Rede, in dem die Tage trüber werden und der Wind das Laub von den Bäumen reißt. Kahle Äste- bleierner Himmel.
Die Gedenktage des Novembers führen uns auf die Friedhöfe und erinnern an Vergänglichkeit und Tod

Die Stimmung: melancholisch, düster, novembrig eben.Umso mehr sehne ich mich nach Helligkeit. „Lasset eure Lichter brennen!“ werden wir in der Bibel mehrfach aufgefordert. Was bedeutet diese Aufforderung? Was heißt Leuchten? Was Erlöschen?

Ich werde Ihnen  von „Elsa und Fred“ erzählen. Von dem gleichnamigen wundervollen Film, in dem es um diese beiden Erfahrungen geht: die des Leuchtens und die des Erlöschens.

 

Filmmusik von „Elsa und Fred“
Von Lito Vitale /
Productora Tesela, P:C. Shazam Producciones 2005

Autorin
Elsa und Fred – zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Elsa hat etwas von einer Diva. Lippen und Handschuhe sind dunkelrot, ihr Handy  pinkfarben. Ihre Augen funkeln. Sie hat nie aufgehört zu träumen. Alfredo hingegen, ebenfalls eine vornehme Erscheinung, kleidet sich zurückhaltend. Sein Leben lang hat er gemacht, was von ihm erwartet wurde. Vor sieben Monaten hat er seine Frau verloren. Nun wirkt er teilnahmslos und in sich gekehrt.

Verloren sitzt er zwischen den Umzugskisten in einer Madrider Altbauwohnung, die seine energische, ja herrische Tochter Cuca für ihn angemietet hat. Jedes mal zuckt er zusammen, wenn Cuca die Möbelpacker herumkommandiert oder mit ihrem Ehemann herumzetert.

Währenddessen wartet Cucas Sohn, Alfredos kleiner Enkel, unten im Auto. Und wird Zeuge, wie eine alte Dame aus dem Haus kommt, in ihr Auto klettert und beim Ausparken das Nachbarauto beschädigt. Das hindert sie nicht wegzufahren und dem Neunjährigen durch Gesten zu verstehen zu geben, dass er den Mund halten soll. Abends im Hausflur treffen alle aufeinander. Elsa in Begleitung ihres älteren Sohnes; Alfredo, der seine Angehörigen verabschieden will. Elsa kann auch durch Drohgebärden nicht verhindern, dass Alfredos Enkel sie als Unfallverursacherin entlarvt.  So sehr sich Elsa auch sträubt, sie muss für die Autoreparatur aufkommen. Ihr Sohn gibt ihr einen Scheck, den sie eines Tages zu Alfredo in die Nachbarwohnung bringt. Sie schwindelt ihm etwas vor von fünf Enkelkindern, die –halbverwaist und halbverhungert- das Geld nötiger brauchen würden. Der verdutzte Alfredo nimmt den Scheck entgegen. Elsa rauscht zurück in ihre Wohnung, wobei ihr Urteil über Alfredo feststeht:

Oton „Kalt und erbärmlich!“ 

Autorin
Doch da hat sie sich geirrt! Alfredo kommt und gibt ihr den Scheck zurück. Diese großzügige Geste nimmt Elsa für ihn ein:

Oton „Dieser Witwer ist bezaubernd!“ 

Autorin
Von da an umgarnt sie ihn. Lockt ihn mit Likör und Leckerbissen in ihre Wohnung. Blumenreich erzählt sie aus ihrem Leben, wobei sie es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Sie zeigt Alfredo ein großes Foto von Anita Ekberg, das einen Ehrenplatz in ihrer Wohnung einnimmt. Denn Elsa schwärmt von Fellinis Film „la dolce vita“, ganz besonders von der Szene, in der Anita Ekberg mit ihrem Liebhaber in den Trevibrunnen steigt. Doch diesen Lebenstraum hat sich noch nicht erfüllt. So gerne Elsa erzählt, so gerne möchte sie auch etwas erfahren. „Erzähl mir, wie deine Frau war“, bittet sie Alfredo und erhält als Antwort:

Oton  „Ordentlich. Sie war ordentlich. Naja“  

Autorin
Alfredo flüchtet vor Elsas Fragen in seine Wohnung. Kurze Zeit später begegnen beide sich im Treppenhaus. Als Elsa den Blumenstrauß in Alfredos Hand bemerkt, ist sie enttäuscht, dass er die Blumen zum Grab seiner Frau bringen will. Dabei mahnen ihn seine Familie und ein Freund immer öfter:

Oton „Du solltest nicht ständig auf den Friedhof gehen!“  

Autorin
Aber so ist Alfredo eben: rückwärtsgewandt und ständig besorgt wegen eingebildeter Wehwehchen. Doch eines Tages steht er mit Blumen vor Elsas Tür, und allmählich kommen sich die beiden näher. Selbst Elsas indiskrete Fragen „Hast du dich mal was getraut im Leben?  Hast du eigentlich viel gelacht?“ können ihn nicht mehr in die Flucht schlagen. Nein, Alfredo lässt sich mitreißen von Elsas Lebensfreude und Abenteuerlust. Die beiden beginnen zusammenzuleben, wobei sie bei ihren jeweiligen Kindern auf große Vorbehalte stoßen. Alfredos Tochter sorgt sich um ihren Vater, mehr noch um seine Ersparnisse, die sie in Gefahr sieht.

Das Leben der beiden ist nie langweilig. Elsa muss oft auf der Hut sein, dass ihre Flunkereien nicht entdeckt werden. Dabei ist Alfredo längst dahinter gekommen, dass sie weder fünf hungernde Enkel, noch einen verstorbenen Ehemann hat.

Doch eines Tages entdeckt er, dass Elsa noch ein Geheimnis mit sich herumträgt. Sie ist schwerkrank und muss regelmäßig an die Dialyse.
Alfredo ahnt, dass sie ihm womöglich wegsterben wird. Und er handelt.
Anders als mit seiner Tochter besprochen, nimmt er seine Ersparnisse und investiert sie in Elsas großen Traum. Abends steht er vor der Tür, eine Rose in der einen und zwei Flugtickets nach Rom in der anderen Hand.

Ohne die Erlaubnis ihrer Kinder einzuholen, fliegen die beiden nach Rom und leben dort Elsas Traum. Alfredos Tochter hat inzwischen den Brief gefunden, in dem ihr Vater ihr mitteilt, dass er sein Geld, entgegen den Absprachen, in sein Glück investiert hat. Wehmütig sagt sie:

Oton  „Ja, er hat recht… es gefällt mir, dass er in sein Glück investiert.“

Autorin
Am Ende des Films begegnen wir Alfredo wieder auf dem Friedhof.
Zusammen mit seinem Enkel steht er an Elsas Grab. Der Kleine entziffert die Daten auf dem Grabstein und rechnet aus, wie alt Elsa geworden ist:

Oton  „Sie war 82, also älter als du, sah aber jünger aus“

Autorin
teilt er seinem Großvater mit. Der lächelt versonnen vor sich hin und sagt, die Augen auf Elsas Grab gerichtet:

Oton „Du Schwindlerin!“  


Filmmusik von „Elsa und Fred“


Autorin
An seinem Traum festhalten. Ihn nicht loslassen, allen Enttäuschungen zum Trotz. Bis ins Alter hinein erwartungsvoll bleiben, offen für Begegnungen, für die Liebe. Das hat Elsas Ausstrahlung ausgemacht, mit der sie Alfredo bezauberte. Und seine müden Augen zum Leuchten brachte.

Wie dieser Film erzählen auch viele Geschichten der Bibel vom Wunder der Liebe. Von Menschen, die sich verloren glaubten und wieder ins Leben zurückfanden. Von erloschenen Augen, in die Glanz kommt. Von Hoffnung, die unter der Asche der Resignation oder Verzweiflung aufglimmt. Hoffnung -  für den Evangelisten Lukas ist sie etwas ganz Zentrales. Er schreibt:

Sprecher:
„Eure Lenden sollen umgürtet sein und eure Lichter brennen. Und ihr sollt Menschen gleichen, die ihren Herrn erwarten, wenn er von einem Festmahl heimkommt, um ihm, wenn er kommt und klopft, sofort zu öffnen. Glücklich jene Knechte, die der Herr bei seinem Kommen wachend findet. Amen, ich sage euch: er wird sich umgürten und sie zu Tisch legen lassen und ihnen aufwarten.“  (Lk 12,35-37)

Autorin
Wachbleiben und sich bereithalten, das war Aufgabe der Sklaven. Das war Sklavenalltag im Römischen Reich. Wenn der Herr eintraf, hieß es bereitzustehen, das Tor zu öffnen und den Empfang so angenehm wie möglich zu machen. Androhung harter Strafen hielt die Sklaven wach. Wehe , wenn! Und die Rollen waren  klar verteilt: hier wach bleiben und bereitstehen, da heimkommen und sich bedienen lassen.

Lukas greift zu einem seinen Hörern vertrauten Bild und korrigiert es doch entscheidend: nicht Androhung von Strafe soll die Wartenden wach halten, sondern Vorfreude. Denn der Herr, der kommt, ist anders als die Herren der römischen Oberschicht. Er dankt denen, die ihn erwarten, mit einem Festessen und bittet sie zu Tisch. Ein Mahl, bei dem die Sklaven bewirtet werden, und der Herr es ist, der sie bedient. „Er wird ein Knecht und ich ein Herr“, so hat Martin Luther diesen Rollentausch besungen.
Am Ende des Wachens und Wartens ein Festmahl! Dieses Hoffnungsbild vom großen Fest malt Lukas auch an anderer Stelle aus. Ein Fest, das gefeiert wird, wenn Verlorene wieder gefunden und heimgeholt werden.
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Filmmusik von „Elsa und Fred“


Sprecher
„Lasset eure Lichter brennen und seid Menschen gleich, die auf ihren Herrn warten!“ 

Autorin
Kann man Christsein besser beschreiben ?
Erwartungsvoll sein, sich auf Verheißenes  ausrichten, hoffen !
Christliche Hoffnung ist dabei etwas anderes als eine fromme Variante des Optimismus. Es ist Hoffnung, wo es nichts zu hoffen gibt. Sie kennt sich aus in den Niederungen der Ermüdung und Resignation, der Enttäuschung und der Verzweiflung. Ihre Flamme glimmt unter der Asche all´ der Erfahrungen, die unser Leben grau machen. Die uns das Gefühl geben, ausgebrannt zu sein, zu erlöschen.

Martin Luther King, einer der großen Hoffnungsträger der Menschheit, sah die Hoffnung als ein Licht, das hineinleuchtet in die „Dunkelkammern des Pessimismus“. Und er erzählt von der Erfahrung, dass Gott immer wieder neu Verzweiflung und Mutlosigkeit in neue Spannkraft der Hoffnung verwandelte.

„Ich habe einen Traum“ -  diesen Traum vom gerechten Miteinander hat Martin Luther King den Albträumen seiner Zeit entgegengehalten. Die Fülle der biblischen Verheißungen und Hoffnungsgeschichten bietet uns sozusagen das Rohmaterial, aus dem auch wir unseren Traum formen können. Viele Hoffnungsbilder handeln von gelingendem Leben und gelungenem Miteinander:

Sprecher:
Von Schwertern, die umgeschmiedet werden zu Pflugscharen.
Von Brot, das geteilt wird und alle satt macht.
Von Talenten, mit denen man zugunsten aller wuchern kann.
Von Tränen, die abgewischt werden und nie mehr geweint werden müssen. Vom Tisch, der für alle gedeckt ist.

Autorin
Und vom Fest, zu dem wir alle geladen sind.
An seinem Traum festhalten, allen Albträumen zum Trotz.
Sich von ihm leitenlassen. Schon jetzt.

Ernesto  Cardenal, ein lateinamerikanischer Dichter, hat diese Spannung zwischen dem Erhofften und der Realität in poetische Worte gefasst:


Filmmusik von „Elsa und Fred“


Sprecher
Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir hören die Musik…“

Autorin
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Ihre
Helga Warsen. Evangelische Pfarrerin aus Haltern am See

 

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„Elsa und Fred“   - 
Regie:   Marcos Carnevale  -  Spanien,Argentinien 2005
                                www.elsa-und-fred.de

Audiobeitrag Lasset eure Lichter brennen


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