Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.11.06, 6.56 Uhr, Pfarrer Eko Alberts

Ein gewisses Wissen

Ich muss ein junger Gymnasiast gewesen sein, als ich den Satz zum ersten Mal hörte. "Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Sokrates soll ihn gesagt haben. Vor 2 500 Jahren.Natürlich haben wir uns als Schüler den Satz sofort gemerkt. Manches Mal wurde er  beim Ausbleiben der Antwort auf eine Lehrerfrage spottend in den Raum geworfen: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Dennoch, auch das spürten wir: das ist ein philosophischer Satz, der fasziniert. Er hat eine Tiefgründigkeit, die wir damals vielleicht nur ahnten.

Später las ich Bertolt Brechts Bemerkung zu diesem Satz. Er fand ihn arrogant, denn man hätte erwarten dürfen, dass Sokrates angefügt hätte: Er wisse, dass er nichts wisse, denn er habe ja auch nichts studiert. Diese Nüchternheit gefiel mir. Und auch der so vervollständigte Satz ließ sich mit heiterem Spott zitieren. Danach habe ich lange gemeint, man könne zwar nie alles wissen, aber viel zu lernen und zu wissen sei im Leben schon entscheidend. Und wer will das bestreiten? Wir leben in einer Wissenswelt. Wir mögen nicht mehr soviel auswendig wissen an Liedern und Gedichten wie frühere Generationen, das ist wahr. Aber uns steht ungeheuer viel Wissen zur Verfügung: In Handbüchern und anderen Medien, vor allem im Internet. Doch wenn ich mit diesem Wissen etwas anfangen will, muss es von dort in meinen Kopf, in meinen Verstand. Und dann stehe ich manchmal doch wieder zwischen Sokrates und Brecht. Dann sage ich mir einmal: Ach, wie wenig ich weiß, eigentlich nichts. Und dann packt mich der Ehrgeiz: Wenn ich mich bemühe, wenn ich mich anstrenge, dann kann ich etwas wissen!

So kann das ein Leben lang hin und her gehen. Aber daneben ist mir nach und nach etwas anderes deutlich geworden: Wissen und Lernen ist gut, entscheidend für mein Leben ist letztlich aber weder Wissen noch Nicht-wissen. Entscheidend ist Gewissheit. Das ist sozusagen ein Wissen mit der Seele oder mit dem Herzen. Sie ist eine Erkenntnis, die nicht an der Oberfläche bleibt. Sie ist nicht auf gesammelte Kenntnis und angehäufte Klugheit und zielgerichtete Technik aus. Sie glänzt nicht durch ihre Logik. Sie reicht tiefer. Sie berührt mein Vertrauen. Sie macht nicht nur lebenstüchtig, sie birgt das Leben.

Gewissheit wohnt eher im Herzen, weniger im Verstand. Nicht dass sie geistlos wäre oder dumm. Nein, sie lässt mich nur andere Dinge erkennen und schätzen als das mehr oder weniger wissenschaftliche Wissen erreicht. Was dieses Wissen der Gewissheit ist? Zum Beispiel die Erkenntnis von der die Bibel einmal singt: Ich bin gewiss, dass nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes. Nichts, weder unser Nicht-wissen noch das viele Wissen, nicht das Machtvolle noch das Ohnmächtige kann uns von ihr trennen, da bin ich gewiss. In solcher Gewissheit weiß ich: meine Vergangenheit wird aufgehoben und geheilt und meine Zukunft ist in Gottes Händen. Dieses gewisse Wissen ist für mich entscheidend.

Audiobeitrag Ein gewisses Wissen


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