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Spirituelle Erfahrung
Spirituelle Erfahrung steht hoch im Kurs. Gesucht wird sie querbeet in Religionen und Kulturen. Was mich allerdings erstaunt und manchmal auch ärgert,
ist die Tatsache, dass so viele zu Christen getaufte Menschen dabei zu Religionstouristen werden. Sie kennen sich scheinbar überall aus, wollen z.B. auf den Ländereien des Buddhismus ernten - aber der eigene Vorgarten und seine Nutzung sind ihnen fremd geworden. Christliche Spiritualität erscheint ihnen zu starr oder zu kompliziert, zu herzlos oder zu konservativ. Bei den anderen Spiritualitäten schwärmen sie für das Alter der Traditionen und hier ist ihnen jede Tradition verhasst, dort loben sie das Regelmaß der Übungen und die Wiederholungen - und hier scheuen sie ein tägliches Gebet; dort üben sie die Versenkung und die Kontrolle des Atmens - doch hier wollen sie atemlose Modernität; dort lauschen sie ehrfürchtig den ausschweifenden Lehren des Meisters doch hier scheuen sie die Auseinandersetzung mit einer Predigt. Nun kann man mir sagen: Klar, dass du das kritisierst. Du siehst nur deine eigenen Felle davonschwimmen! Ja. ja, sage ich dann, aber nicht nur die. Auch eure. Ich will es euch mit einer kleinen Geschichte andeuten, was ihr verlieren, aber viel mehr noch, was ihr gewinnen könnt:
Einem Kollegen von mir in Süddeutschland fiel ein alter, bescheiden wirkender Mann auf, der jeden Mittag die Kirche betrat und sie kurz darauf wieder verließ. So wollte er eines Tages von dem Alten wissen, was er denn in der Kirche tue. Der antwortete: Ich gehe hinein, um zu beten. Als der Pfarrer verwundert meinte, er verweile nie lange genug in der Kirche, um wirklich beten zu können, meinte der Besucher: Ich kann kein langes Gebet sprechen, aber ich komme jeden Tag um zwölf und sage: `Jesus, hier ist Johannes`. Dann warte ich eine Minute und er hört mich. Einige Zeit später musste Johannes ins Krankenhaus. Ärzte und Schwestern stellten bald fest, dass er auf die anderen Patienten einen heilsamen Einfluss hatte. Die Nörgler nörgelten weniger und die Traurigen konnten auch mal lachen. Johannes, bemerkte die Stationsschwester irgendwann zu ihm, die Männer sagen, du hast diese Veränderung bewirkt. Immer bist du gelassen, fast heiter. Schwester, meinte Johannes, dafür kann ich nicht. Das kommt durch meinen Besucher. Doch niemand hatte bei ihm je Besuch gesehen. Er hatte keine Verwandten und auch keine engeren Freunde. Dein Besucher, fragte die Schwester, wann kommt er denn? Jeden Mittag um zwölf. Er tritt ein, steht am Fußende meines Bettes und sagt: `Johannes, hier ist Jesus.`
Die Übung der Spiritualität ist bescheiden. Ich kann kein langes Gebet sprechen. Dafür fehlt es Johannes an Worten, an spiritueller Schulung vielleicht auch. Aber ich komme jeden Tag um zwölf das ist, was er tun kann. Und ich sage: Jesus, hier ist Johannes das ist alles, was er sagen kann: Hier bin ich. Und was dann folgt ist ganz wichtig: Dann warte ich eine Minute, da ist der Raum für den Geist, keine bezwingenden Worte, einfach warten, Raum und Zeit lassen; nicht alles mit eigenen Worten, Gedanken, Wünschen besetzen, sondern leer werden und nach der regelmäßigen Übung genügt schon eine Minute: und er hört mich.
Was danach folgt: die Gelassenheit des Johannes im Krankenhaus und seine Heiterkeit sind die Früchte seiner einfachen Spiritualität. Sein Übungsfeld liegt vor der eigenen Haustür.
Spirituelle Erfahrung
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