Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.11.06, 7.50 Uhr, Pfarrer Eko Alberts

Der Weg ist das Ziel?

Er ist wie ein Ohrwurm, nur ohne Musik. Ein kurzer Satz, ein Gedanke nur – und lässt sich nicht vertreiben: „Der Weg ist das Ziel.“

Wo und wann ich ihm zuerst begegnet bin, weiß ich nicht mehr. Aber er hat sich festgesetzt. Nicht nur bei mir. Ich begegne ihm immer wieder, im leichten Gespräch wie in ernsthaften Betrachtungen. Der Weg ist das Ziel – das höre ich, wenn Wandernde unfreiwillig einen Umweg machen müssen, weil einer die Karte falsch gelesen hat. Der Weg ist das Ziel, das höre ich aber auch, wenn Menschen ernsthaft über Sinn und Ziel ihres Lebens diskutieren.

Der Satz leuchtet ein: Geht es den Wandernden nicht ums Wandern? „Der Weg ist das Ziel!“ Der Humor dieses Satzes hilft, um auch bei einem Umweg fröhlich weiter zu ziehen. Wenn wir im Betrachten unseres Lebensweges sagen: „Der Weg ist das Ziel“, dann sagen wir  damit: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Hat diese Erkenntnis nicht viel für sich?  Sie erlaubt mir, dass ich mein Leben Schritt für Schritt erfahre, genieße, annehme – dass ich mit ganzem Herzen lebe.

Der Weg ist das Ziel. Dieser Ohrwurm ohne Musik ist eigentlich ein „Denkwurm“. Er verführt zum weiteren Nachdenken und sagt mir dann auch: Im Unterwegs mache ich meine Erfahrungen, erkenne ich mein Leben, verändert es sich auch. Warum sind wir denn alle soviel unterwegs? Wir reisen in andere Gegenden – nicht nur, wenn wir in Urlaub fahren, auch wenn wir ein Buch lesen, einen Film anschauen, sogar wenn wir träumen und scheinbar nichts tun. Wir bleiben dabei nicht gleich. Wir wollen Neues erfahren, erleben Wandlungen. Der Weg ist das Ziel.

Der Satz hat wirklich  viel für sich – und ist doch auch ein armer Satz. Er unterschlägt etwas, was mir wichtig ist. Ein Beispiel: Vor kurzem war ich einige Tage mit dem Fahrrad unterwegs: durch den Teutoburger Wald und Ostwestfalen, dann über Pättkes-Touren durchs Münsterland, vorbei an Wiesen am Niederrhein und schließlich rheinaufwärts. Die Erfahrung vielfältiger Landschaften lohnt sich unbedingt. Trotzdem: der Weg blieb nicht mein Ziel. Ich war unterwegs, um einige meiner Kinder zu besuchen. Das gab jedem Tag auch seine Richtung: am Abend bin ich bei meinem Sohn, bei meiner Tochter. Da kann ich ausruhen; wir werden essen und trinken und erzählen und das Wiedersehen ein wenig feiern. Ohne diese Ziele wäre meine Tour noch immer interessant geblieben. Aber ich wäre eigentlich nur unterwegs gewesen, die Herbergen nur Durchgangsstationen und  kein Zuhause.

Der Weg ist das Ziel. Schade nur, wenn es dabei bleibt. Der Satz unterschlägt nämlich die Hoffnung, dass ich einmal auch ankommen darf. Deshalb will ich diesem Ohrwurm ohne Musik nicht das Feld allein überlassen. Ich setze einen  anderen daneben, einen aus der Bibel, der von der Hoffnung und dem Ziel unserer Wege spricht.  Heute wähle ich mir dafür einen Satz aus dem Neuen Testament: „Unsere Heimat ist im Himmel“.  Den nehme ich zusammen mit diesem anderen mit in den Tag. Ob die beiden sich nur widersprechen oder hier und da doch vertragen? Ich bin gespannt. Vielleicht bin ich heute Abend klüger.

Audiobeitrag Der Weg ist das Ziel?


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