Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.11.06, 7.50 Uhr, Pfarrer Eko Alberts

Genug haben

Ob es sie wirklich gibt, weiß ich nicht, aber es wäre eine schöne Vorstellung: Menschen, die völlig unbeschwert leben können,

die immer tausend Möglichkeiten vor sich sehen, sich immer souverän verhalten und denen alles gelingt. Ich gehöre zu den anderen, zu denen, die sich oft stoßen und die sich manchmal an den Widrigkeiten des Lebens reiben. Nicht dass ich da in schlechter Gesellschaft wäre oder gar allein. Keineswegs. Es sind viele, die Schürfwunden an ihrer Seele haben und die gerne ein wenig heiler werden möchten. In uns ist eine Sehnsucht. Manchmal brennt sie, dann und wann nagt sie nur. In uns ist ein Seufzen, manchmal schon am Morgen. Und wenn man diesem Seufzen ein wenig Zeit gibt, so hört es sich etwa so an:         
    
„Ich möchte selbstbewusster, überzeugender sein. Einmal ganz losgelöst, das wär´s!“
„Ich will nicht durch jede kleine Unpässlichkeit gehindert werden!“
„Ich will diesen verhassten Sprachfehler nicht mehr oder dieses so völlig unnötige körperliche Handicap!“
„Nicht mehr dieses aufbrausende Temperament!“
„Endlich einmal diese ständige Unsicherheit ablegen können!“

Der Apostel Paulus hat auch an solchen Sehnsüchten nach einem freieren Leben gelitten. Tief und quälend sind sie ihm. Er hat nicht nur Schürfwunden, er fühlt sich geschlagen, verletzt, teuflisch behindert. Sein Seufzen schluckt er nicht runter. Er gibt ihm Zeit. Und Stimme. Leidenschaftlich schreit er das alles hinaus. Mit seinem Gott kämpft er darum.
Doch irgendwann hört er die Antwort Gottes:

"Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
Das ist ein Hammer. Das sitzt. Ich finde, dieser Satz kann verletzen.
"Lass dir an meiner Gnade genügen..." Heißt das nicht: genügsam sein müssen, abgespeist werden?! Da will einer über die engen Grenzen hinaus - und dann wir er zurückgerissen. Schmink dir die Träume ab! Lass dir an meiner Gnade genügen!

Wer kann das, wer will das? Meine Schwäche ist mir nicht willkommen, mein Unvermögen irritiert mich. Ich mag nicht, wenn mir einer Grenzen steckt. Und ich will nicht Gnade, ich erhebe Ansprüche und erwarte etwas vom Leben. Ich zahle genug ein, da will ich einen Erlös. Was dem im Wege steht, soll verschwinden!

Paulus hat von Gott hören müssen: Bis hierher und nicht weiter. Akzeptiere deine Grenzen. Meine Gnade soll dir genug sein. Und er lässt sich darauf ein, findet es schließlich sogar gut.
Er lernt im Ringen mit Gott, seine schmerzenden Grenzen anzunehmen. Er erkennt: Gott braucht nicht nur die Starken. Und er braucht uns auch nicht nur mit unseren Stärken. In den Schwachen wird seine Kraft mächtig. Meine Schwäche ist vor ihm keine Schande.
Fast jubelt er schon: Gottes Kraft ist in mir Schwachem mächtig! Nach langem Kampf ist Paulus so weit gekommen – und findet darin Frieden. Er hat genug.

Ich muss gestehen: Davon bin ich noch weit entfernt. Aber in der Gesellschaft eines solchen Menschen zu leben, lockt mich inzwischen mehr als mir nur ewig lächelnde Gewinner vorzustellen.

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