Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.11.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Versuchungen

Damals, als ich noch mein 400€ Job hatte, da bin ich nicht am Mc Donalds vorbeigelaufen und hab mir überlegt, „kann ich mir jetzt den Chicken Burger für’n Euro

kaufen oder nicht?“ – Bei einem Glaser - Job hab ich da schon mehr Bedenken.

Autor: Kevin macht eine Ausbildung zum Glaser. Vorher hatte er trotz seiner Fachoberschulreife lange keine Lehrstelle gefunden und war eine Zeit lang mit einem 400 € - Job und ein paar Nebenjobs finanziell „über die Runden“ gekommen. Nun fällt ihm die Umstellung schwer: mit 270 € Ausbildungsvergütung im Monat zu leben, ist eine harte Prüfung für ihn. Dazu kommt die Arbeitsbelastung: während seiner Ausbildung sind mehr als acht Stunden Arbeit täglich die Regel.  Früher, im 400€ - Job, reichten drei Stunden Arbeit am Tag.  Und dann sind da auch immer und überall noch diese verlockenden Konsumangebote:

O - Ton: Weil man halt nur die 270 € hat und wenn man hier durch Köln läuft,  da wird man von ich weiß nicht zig Geschäften gelockt, mit Sonderangeboten: „und hier gibt’s die leckersten Brötchen..!“

Autor: Zumal wenn Kevin spürt, was die harte körperliche Arbeit eines Glasers mit seiner Gesundheit macht, kommen ihm Zweifel, ob es überhaupt gut war, eine Ausbildung zu beginnen:

O – Ton: Also ich bin immer sonntags morgens aufgewacht um fünf Uhr und ich konnt’ nicht mehr schlafen wegen Rückenschmerzen – und das, obwohl ich so’nen  wirbelstützenden Gürtel anhatte. Ich denk mal, wenn man das macht, bis man 30 ist, da hat man auf jeden Fall schon einige Sachen, die kaputt gegangen sind.

Autor: Wenig Geld für harte Arbeit, die auf die eigenen Knochen geht, immer wieder das Gefühl, sich nichts leisten zu können, obwohl man selbst viel leistet - Kevin räumt ein, dass er manchmal über illegale Verdienstmöglichkeiten nachdenkt:

O - Ton: Heutzutage liegt das sehr nahe – wenn ich in meinen Bekanntenkreis gucke - alles: Hehlerei. Dealerei. Prostitution. Also die breite Palette, sag ich mal. Und sich da rauszuhalten mit dem geringen Lohn, den man hat, und dann immer noch versuchen, auf einer ehrlichen Spur zu fahren, das ist doch schon schwer so.

Autor: Versuchungen:  Warum eigentlich einer „ehrlichen“ Arbeit nachgehen? Warum sich nicht auf „krummen Wegen“ und auf Kosten Anderer bereichern? Warum auf etwas verzichten, wo’s anderen doch offenbar so viel besser geht? Und – wie überhaupt all diese Versuchungen des Alltags auf Dauer aushalten?
Wenn ich in Versuchungen gerate, etwas zu tun, das mir selbst oder anderen schaden könnte, dann halte ich oft einfach einen Augenblick inne und denke: „Führe mich nicht in Versuchung“. Und dann spüre ich meist, wie die inneren Widerstandskräfte größer werden, wie die Macht der Versuchungen schwindet, sich eine Lebensperspektive ergibt, die über die Versuchungen hinausreicht.

Für meinen Schüler Kevin sieht seine Lebensperspektive so aus:

O - Ton : Im Endeffekt halt ich mir vor Augen: es geht um nen Gesellenbrief, den kann ich mir nirgendwo kaufen – und deshalb mach ich die Sache dann auch.

Audiobeitrag Versuchungen


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