Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.11.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Goldene Regel

Heute morgen setze ich ein Denkmal für einen Feuerwehrmann aus einem kleinen französischen Dorf in Burgund.Der hat nämlich in meinem Sommerurlaub mein Portemonnaie

gefunden. Mit 300€ Urlaubskasse samt einer EC  - Karte und Ausweispapieren. Am Vorabend des französischen Nationalfeiertages auf einem Dorffest.  Während die Franzosen „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ feiern, trinke ich Rotwein, bestaune das Feuerwerk und verliere mein Portemonnaie. Der besagte Feuerwehrmann findet nicht nur das Portemonnaie, sondern auch mich, mit Hilfe der Ausweispapiere. Ich will mich bedanken, biete einen Finderlohn an. Aber er wehrt vehement ab. Als er merkt, dass ich von seinen Erklärungen nicht viel verstehe, sagt er nachdrücklich: C’est normal! – Das ist normal.

Mir ist mein Urlaubserlebnis seitdem immer wieder in den Sinn gekommen.  Nicht nur, weil mir eine Menge Ärger und etliche Unannehmlichkeiten erspart geblieben sind.  Sondern gerade dann, wenn ich in meinem Alltag erlebe, was Menschen sonst noch für „normal“ halten. Bekommt im Kaufhaus jemand zu viel Wechselgeld raus, behält er es , nach dem Motto: Es trifft ja keinen Armen!
- Und warum nicht ein paar Werbungskosten zusätzlich bei der Steuererklärung angeben? - Der Staat kriegt doch schon genug!
- Einen Augenblick nicht aufgepasst beim Ausparken und einen kleinen Blechschaden verursacht? - Ist doch nur Blech!
- Ein fremdes Portemonnaie gefunden? - Warum sich den Finderlohn nicht selbst zuteilen?

„Normal“ ist ja leider oft der Verstoß gegen die Regel, unnormal – im Sinne von „naiv“, wer eine günstige Gelegenheit, sich zu bereichern, nicht nutzt. Und dazu kommt noch, dass man sich so einfach meint herausreden zu können – mit den bekannten Entschuldigungsfloskeln: „Das machen doch alle!“ oder „Das würde doch schließlich jeder machen!“. Wie gern versteckt man das eigene Fehlverhalten in der Masse! Und wie leicht man sich herausredet und Entschuldigungen zurechtlegt, die eigentlich nur Ausflüchte sind.

Das ist ja auch gerade das, was mich am Verhalten des Feuerwehrmannes so fasziniert. Die Selbstverständlichkeit, mit der er mein Portemonnaie zurückgegeben hat. In gewisser Weise ja auch die Umsetzung von „Brüderlichkeit“, die an diesem Abend gefeiert werden sollte. Da war ich jemandem, der mich nur vom Personalausweis im Portemonnaie kannte, zum Bruder geworden.
Da hatte jemand eine günstige Gelegenheit zur Selbstbereicherung nicht genutzt.

Was der französische Feuerwehrmann vielleicht im Geiste der „Brüderlichkeit“ für mich getan hat, heißt in der Bibel „Die Goldene Regel“ für menschliches Zusammenleben: „Behandelt die Menschen so, wie ihr selber von ihnen behandelt werden wollt.“ sagt Jesus.

Ein einfach klingender Satz, der aber alles regeln könnte. Wenn er nicht manchmal so schwer umzusetzen wäre. Wenn da nicht unser Hang zu Eigennützigkeit wäre. Wenn da nicht die Habgier wäre, die sich manchmal unserer guten Vorsätze bemächtigt.

Aber es geht ja auch anders! Wir können ja auch anders! Können andere behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen! Vielleicht muss man sich manchmal ein Beispiel wie das des Feuerwehrmannes vor’s innere Auge rufen. Dann geht einem eine Entschuldigungsfloskel wie: „Das machen doch alle!“ nicht mehr so leicht durch den Kopf und über die Lippen.

Also: heute morgen ein Denkmal für einen Feuerwehrmann aus Burgund. Mit der Inschrift: „Behandelt die Menschen, wie ihr selber behandelt werden wollt.“ Denn das kann auch - normal - sein. Und ein Denkmal für alle, die genau das heute leben!

Audiobeitrag Goldene Regel


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