Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.11.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Erinnern

In meiner Heimatstadt zog gestern Abend wieder eine Handvoll Menschen durch die Innenstadt. Vom Rathaus durch die Fußgängerzone zur ehemaligen Synagoge,

die heute die Volkshochschule beherbergt.  Ein Schweigemarsch, von manchem Besucher, der kurz vor Ladenschluss noch Besorgungen machte, irritiert beobachtet.

In vielen Städten unseres Landes wird am 09. November immer noch, Jahr für Jahr, an die sogenannte Reichpogromnacht erinnert. An die brennenden Synagogen des Jahres 1938, an zerstörte und geplünderte Geschäfte jüdischer Kaufleute.

Muss das sein? Oder anders gefragt: muss das immer noch sein? Ist das noch nötig?
„Kann es mit dem Erinnern an die schrecklichste Epoche deutscher Geschichte nicht endlich Schluss sein?“ Ist es mit dem Gedenken nicht irgendwann einmal „gut“?

Ich meine: Nein. Wer argumentiert, es müsse nun Schluss sein mit dem öffentlichen Gedenken, der hat nicht begriffen, dass man Erinnerungen nicht einfach abschalten kann.

„Erinnern“ ist keine Aufgabe, die irgendwann erfüllt ist.  Wir besuchen ja zum Beispiel auch immer wieder die Gräber unserer Vorfahren und meinen nicht, dass es irgendwann „gut“ und „genug“ sei.

Unsere Vergangenheit verschwindet ja auch nicht einfach und hat dann keine Bedeutung mehr. In unserem Privatleben nicht und im öffentlichen Leben auch nicht. So, wie wir uns mit unserer Familiengeschichte auseinandersetzen müssen, so brauchen wir auch immer wieder die Auseinandersetzung mit der Geschichte unseres Volkes und unseres Landes.

Zugegeben: das ist gewiss nicht immer leicht, denn wer lässt sich schon gern an Schuld und Verbrechen erinnern, die im Namen Deutschlands begangen wurden? Sich dagegen zum Beispiel an das „Wunder von Bern“ zu erinnern, fällt erkennbar leichter. Und niemand käme auf die Idee, dass es mit dem öffentlichen Erinnern an diese erste gewonnene Fußballweltmeisterschaft jetzt „mal gut sein muss“.  Wobei das ja auch schon mehr als 50 Jahre zurückliegt.

Aber leider bevölkern nicht nur Helden und Gewinner die deutsche Geschichte der vergangenen 100 Jahre. Sondern auch Mörder und Mitläufer, und neuerdings Zeitgenossen, die an den Wahlurnen für Leute stimmen, die die Unmenschlichkeit des „3. Reiches“ relativieren wollen. Deshalb ist es nötig, Erinnerungen wach zu halten.

Auch wenn das Wort „Schuld“ hart klingt und nicht mehr sehr populär ist: Nur wer sich an die Schuld, die im Namen seines Volkes begangen wurde, erinnert, kann aus der Geschichte lernen. Oder mit den berühmten Worten des Philosophen George Santayana: „Wenn man sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist man verurteilt, sie zu wiederholen."

Audiobeitrag Erinnern


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