Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.11.06, 5.56 Uhr, Pfarrerin z.A. Eva Zoske-Dernóczi

Würdevoll

Sie stemmt ihre Hände in die Hüften. „Was, Du weißt nicht wo die Armenküche ist? Kein Problem, zeig ich Dir!“ Christa Corinna Dieterichs überzeugt den Obdachlosen

gleich mit ihrer natürlichen lebendigen Art. Die Sozialpädagogin arbeitet seit sieben Jahren als Streetworkerin, in der Düsseldorfer Altstadt. Dort trifft sie viele, die sie seit langem Kennt. Aber eben auch immer wieder Neue, die sich nicht auskennen. Die nicht wissen, wo es was zu essen gibt, wo sie medizinisch versorgt werden können. Aber sie geht nicht nur auf die Straße – die 41jährige arbeitet auch im Axept, in der Beratungsstelle. Dort schenkt sie Obdachlosen Café aus, nimmt sich aber vor allem Zeit für Gespräche. Dabei hört sie von Vielen, wie würdelos sie behandelt werden. 
 
O-Ton: Dann muss ich mir hier auch viele Erlebnisse anhören, wenn die übelst behandelt werden schon mal auf der Straße. Die müssen damit rechnen, dass man auf deren Decken uriniert, dass sie grundlos getreten oder geschlagen werden.

Autorin: Sich selbst als Menschen zu sehen, der eine Würde hat, der es wert ist, gut behandelt zu werden. Von einem selbst und anderen. Das ist ein großes Thema für Obdachlose. Da kann es helfen, wenn ihnen jemand auf Augenhöhe begegnet. Vor allem dann, wenn es ihnen nicht gut geht. Wenn sie Schmerzen haben oder krank sind. Aber auch das ist nicht selbstverständlich. Deshalb begleitet Christa Corinna Diederichs Obdachlose zu Ärzten. Auch um zu vermitteln, für Verständnis zu werben. Kürzlich war sie zusammen mit einer alkoholkranken Wohnungslosen bei einem jungen Arzt, der sie sehr beeindruckt hat.


O-Ton: Die bekam dann so ´nen Alkoholentzug währenddessen und wurde unheimlich nervös und konnte sich kaum noch untersuchen lassen und ich wollte sie dann trösten und hab dann einfach gesagt: „Pass auf, noch 10 Minuten, dann kannst Du Dir holen, was immer Du holen willst“. Das hörte der Arzt so und sagte: „Hörn se mal, wenn Sie nix dagegen haben“, an mich gewandt: „Neben an ist eine Tankstelle, laufen Sie doch eben hin“. Ich sag: „Jederzeit!“ Dann holte ich ihr also zwei Bier also die Tatsache schon, dass es da war ist dann ja schon beruhigend, wie bei allen Süchten.

Autorin: Genau darum geht es. Erst mal in der konkreten Not zu helfen. Nachher kann man immer noch über Entzug nachdenken. Klar ist es das Ziel, Alkoholiker von ihrer Sucht zu befreien. Manchmal kann es aber wichtiger sein, verständnisvoll mit der Sucht umzugehen, um den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Zum Abschluß hat der Arzt ihr sogar noch die Füsse gewaschen.  

O-Ton: Was mich auch beeindruckt hat, dass so ein Arzt das selber macht und nicht seinen Assistentinnen überlässt. Und das hat mich einfach sehr, sehr begeistert, dass er überhaupt nicht etepetete war. Das er das alles natürlich genommen hat, was ihr ihre Würde auch wieder gab.

Autorin: Ihr gab es die Würde wieder. Schöner als durch eine Fußwaschung kann man das wohl nicht verdeutlichen. Jesus von Nazareth hat das auch getan. Er hat seinen Jüngern beim letzten Abendmahl die Füße gewaschen, um ihnen etwas Gutes zu tun. Als Zeichen dafür, wie sehr er sie liebt. Sie wehrten sich und wollten es nicht. Weil es doch unter seiner Würde sei, so etwas zu tun. Jesus sah das anders. Denn er war überzeugt davon: vor Gott sind alle Menschen gleich.

Audiobeitrag Würdevoll


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