Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.10.06, 10.00 Uhr, Pfarrerin Birgit Winterhoff

Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ 2800 Jahre alt ist diese Botschaft.  Eine Botschaft quer zum Trend der Zeit. Damals wie heute.  Micha, der Prophet, ein unbequemer Mahner. Er stammt aus dem kleinen Ort Moreschet in der Nähe von Jerusalem, mitten auf der Achse von Nordost nach Südwest zwischen der Westbank und dem Gazastreifen. Das war schon immer ein Konfliktgebiet. Da sind schon immer Menschen unter die Räder gekommen. Und genau damit findet Micha sich nicht ab.

Er kennt die Sorgen und Nöte der kleinen Leute nur zu gut. Die haben zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Die sozialen Verhältnisse sind unerträglich geworden. Micha macht sich zum Anwalt der Unterdrückten, der Armen, der Fremden, der Witwen und Kinder. Er klagt die Mächtigen an: „Sie hassen das Gute und lieben das Böse.“ Sie ziehen den Menschen regelrecht das Fell über die Ohren und brechen ihnen die Knochen. Starke Worte!

Und was setzt Micha dagegen?
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Für Micha sind die sozialen Missstände das Ergebnis eines kollektiven Gedächtnisschwundes. Wer Gott vergisst und seine Gebote, vergisst auch bald den Nächsten. Und so erinnert er und ruft zurück zu den Grundwerten des Lebens, zu den Geboten Gottes, die Recht und Frieden fördern und Leben gelingen lassen. Es ist ein Ordnungsruf in einer Welt, in der die Grenzen verschwimmen zwischen Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge, gesundem Selbstbewusstsein und krankhaftem Egoismus, verliehener Macht und brutaler Diktatur des Stärkeren. 

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist.“ Was dem Leben dient, was gut ist, ist nicht Resultat eines längeren Diskussionsprozesses, bei dem nur allzu oft faule Kompromisse herauskommen. Es ist auch nicht Fazit einer Meinungsumfrage, nicht ein neuer Trend. Es ist vielmehr schon alles gesagt, ein- für allemal. Daran erinnert Micha. Meine Suche nach Orientierung ist aufgehoben in der Orientierung, die gegeben ist. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Micha konfrontiert seine Hörer mit einem dreifachen Anspruch:
„Gottes Wort halten.“
„Liebe üben.“
„Demütig sein vor deinem Gott.“

Was gut ist, heißt zuerst: „Gottes Wort halten.“ Genauer übersetzt: Gottes Recht tun. Nach seinen Geboten handeln, z. B.: „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Aber uns will man weismachen: Zu viele Sonntage und Feiertage würden das Geschäftemachen, das Geldverdienen behindern und das Wirtschaftswachstum verhindern. „Du sollst nicht töten!“ Natürlich nicht.  Aber der Stärkere setzt sich durch. Und wo gehobelt wird, da fallen Späne. „Du sollst nicht stehlen!“ Na ja, aber haste was, dann biste was. Es wird einem nichts geschenkt. „Du sollst nicht lügen!“ Aber der Ehrliche ist eben der Dumme. „Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat.“ Aber ich will mehr. Und Geiz ist geil. Ich bin doch nicht blöd.

Ich erinnere mich gut an eine Stunde im Konfirmandenunterricht. Die 10 Gebote waren als Thema dran. Einige Konfirmanden verdrehten die Augen. Einer sagte unter allgemeinem Gelächter: “Frau Winterhoff, jetzt kommen Sie uns nur nicht mit den 10 Geboten. Das ist doch Muff von vorgestern.“ Aber dann wurde klar: Wenn wir heute versuchen, Regeln aufzustellen für das Zusammenleben von unterschiedlichen Menschen, dann sind wir gar nicht so weit weg von den 10 Geboten. Sie engen eben nicht ein. Sie geben der Freiheit einen Raum. Denn Freiheit ohne Bindung ist rasch verspielt und ohne Recht, das dem Schwachen dient, ist der Friede schnell zum Teufel.

Die Gebote Gottes – Angebot und Orientierung für gelingendes Leben. Jesus von Nazareth hat im Neuen Testament die Gebote auf einen kurzen Nenner gebracht. Nach dem wichtigsten Gebot gefragt, hat er geantwortet: “Du sollst den Herren, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ ( Matth. 22, 37 – 40 ).

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Liebe üben. Das ist das zweite. Eigentlich keine neue, eigenständige Forderung. Vielmehr eine Facette der ersten: Recht tun – aber bitte mit Liebe! Wörtlich übersetzt heißt es: “Güte und Treue lieben.“ Güte und Treue – Worte von fast altmodischem Klang und dennoch unverzichtbar für unser Zusammenleben. Es soll schließlich ein menschliches Miteinander sein. Güte, das ist zuallererst Freundlichkeit, mit der man sich begegnet. Die Achtung, die man einander entgegenbringt. Nicht nur dem Sympathischen, auch dem Unsympathischen. Nicht nur dem Freund, auch dem Andersdenkenden. Nicht nur dem Einheimischen, auch dem Fremden. Güte, das ist das weite Herz, die offene Hand.

Wenn Micha auffordert, Güte und Treue zu lieben, dann ist jene selbstvergessene Bereitschaft gemeint, für den anderen da zu sein, und zugleich jene Offenheit, den anderen für mich da sein zu lassen. Eine Haltung, die aus der Erkenntnis folgt: Ich verdanke mein Leben nicht mir selbst, sondern der Güte, Barmherzigkeit und Treue Gottes. Seine Verlässlichkeit will auch mir einen langen Atem schenken, an seinem Wort festzuhalten, mit Güte Recht zu tun und anderen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Schließlich das Dritte. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Demut hat in unserer Sprache keinen guten Klang. Man denkt an stumme Unterwürfigkeit und an Ängstlichkeit. An mangelndes Selbstbewusstsein, das fromm überdeckt wird. Demut hat allerdings mit solcher Haltung nichts zu tun.
Demut ist vielmehr der Mut, sich realistisch und nüchtern zu sehen: Als Mensch mit Gaben und Fähigkeiten, mit Fehlern und Schwächen.
Aber dennoch von Gott geliebt. Der Demütige kennt seine Grenzen. Er kennt seine Schwächen und kann seine Fehler eingestehen.
Der Demütige lebt aus der Dankbarkeit Gott gegenüber. Ihm verdankt er sein Leben. Demut – da ist unsere Gottesbeziehung angesprochen.

Demut – wörtlich übersetzt heißt es: Aufmerksam, hellwach und sensibel mitgehen auf dem Weg, den Gott vorausgeht. Aufmerksam sein für das, was Gott tut und was er will. Schritt für Schritt in seiner Nachfolge gehen. Liebe Gemeinde, es ist durchaus kein bequemer Weg, Gottes Wort zu halten, Güte und Treue zu lieben. Es ist nicht immer leicht, aufmerksam mit Gott zu gehen. Aber wir können den Weg zuversichtlich gehen, weil einer ihn vorausgegangen ist. Jesus Christus ist auf unseren Weg getreten. Er hat gezeigt, was Gerechtigkeit und Güte sind. Er nimmt uns mit und hält uns auf seiner Spur.

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor seinem Gott.“ Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen

Der nächste Hörfunkgottesdienst wird am 12.11.2006 um 10 Uhr bis 11 Uhr vom WDR 5 aus der evangelisch-reformierten Kirche aus Barntrup übertragen. Die Predigt hält Pfarrerin Viktoria Keil.


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