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Der Himmel ist offen - Über die Vergebung der Sünde
Die Vergebung der Sünde macht Schluss mit der Trennung von Seele und Leib. Eine kaputte Seele meldet sich in einem kaputten Körper. Aber Vergebung wirkt Wunder.
Sie ertüchtigt zum Leben und zum Wohl der Erde.
Autor: Simon Wiesenthal berichtet in seinen Erinnerungen, er sei als jüdischer KZ-Häftling einmal an das Sterbelager eines jungen SS-Mannes gerufen worden. Der habe ihm berichtet, wie er an der Vernichtung jüdischer Menschen beteiligt war: Ich liege hier in meiner Schuld und will in Frieden sterben, so der SS-Mann, aber das kann ich nur, wenn ein Jude mir vergibt. Wiesenthal vermag es nicht. Er weigert sich, ihm zu vergeben. Als er das einem Mithäftling erzählt, sagt der: Ich hatte schon befürchtet, du hättest ihm wirklich verziehen. Aber was er anderen angetan hat, das kannst du ihm doch nicht verzeihen.
Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer. Ich bin Hans Dieter Osenberg, Pfarrer im Ruhestand in Saarbrücken. Vergebung der Sünde ist das Thema des heutigen Evangeliums. Ob das wirklich noch so wichtig ist? Ich lade Sie ein, mit mir darüber nachzudenken. Musikalisch begleitet uns spätromantische Chormusik von Heinrich Kaminski und Alfred Stier, gesungen vom Dresdner Kreuzchor
Musik 1 Heinrich Kaminski, Aus der Tiefe
Autor: Vergebung. Die Geschichte dazu bietet das Markusevangelium
Walter Jens, der Rhetoriker, hat sie spannend ins Deutsch übertragen:
Sprecher: Und ich erzähle. Viele Tage waren vergangen, ehe er, aus seiner Einsamkeit, wieder nach Kapernaum ging. Und als die Menschen das hörten er ist in der Stadt, wir kennen das Haus -, da strömten alle herbei, immer mehr, standen drinnen nah beieinander, warteten draußen im Freien, kamen vergebens: denn viele wollten zu ihm. Er aber sagte allen das WORT, die große Botschaft, die ihm aufgetragen war.
Und ich erzähle. Leute waren unterwegs, an diesem Tag, von denen vier einen Menschen trugen, der sich nicht rühren konnte: Er war gelähmt. Da niemand zu ihm vordringen konnte, das Volk versperrte den Weg, trugen die vier das Dach ab, Stein für Stein, und seilten den Kranken mitsamt der Bahre hinab. Als Jesus sah, wie groß ihr Glaube war, sagte er zu dem Gelähmten: Deine Sünden, Sohn, sind dir vergeben. Das hörten die Schriftgelehrten, die saßen, unter der Menge wartend, auch im Haus und dachten bei sich: Was redet er da, dieser Mensch? Er lästert Gott: Der Er allein - und kein Mensch - Kann Sünden vergeben. Jesus aber, erleuchtet vom Geist, erriet ihre Gedanken: Was denkt ihr da in eurem Herzen? Ich frage euch: Ist es leichter, zu einem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben Oder ihm zu helfen: Steh auf, nimm deine Bahre und geh? Schaut hin und bedenkt: Der Menschensohn hat die Macht, Sünden in der Welt zu vergeben. Ich sage jetzt zu dem Gelähmten: - und er sagte es wirklich! Steh auf , nimm deine Bahre und geh heim Und der Kranke stand auf, nahm die Bahre, trug sie, mitten unter den Menschen und machte sich auf den Weg, in sein Haus. Welch ein erstaunen! Welche Bestürzung: Dies haben wir noch niemals gesehen. Das hat Gott getan.
Musik 2 Heinrich Kaminski, Aus der Tiefe
Autor: Ich stelle mir vor, ein damals anwesender Schriftgelehrter hätte das Ereignis natürlich ganz anders erzählt. Einem Kollegen beispielsweise, der nicht dabei war. So vielleicht?
Sprecher: So kann es nicht weitergehen mit ihm, so wirklich nicht. Kapernaum hat mir die Augen geöffnet.
Der Trubel, die Drängelei, davon will ich nicht reden. Das ist nun einmal so bei Wundertätern. Obwohl es in Kapernaum besonders peinlich war, und lächerlich dazu.
Plötzlich Lärm über unsern Köpfen, im Haus der Versammlung, wo wir dicht gedrängt standen. Wir schauen nach oben Alles offen, blauer Himmel! Und vier Leute, die etwas herablassen, einen Lahmen auf einer Trage. Der Rabbi muss seine Rede unterbrechen, von draußen Proteste, drinnen Lachen, Schimpfen, Wehgeschrei, alles durcheinander.
Doch ich sagte schon: Das will ich ihm nicht vorwerfen. Soll er nur Leute gesund machen, er ist nicht der Erste. Aber kaum liegt der Gelähmt zu seinen Füßen, da sagt er doch zu ihm: Dir sind deine Sünden vergeben. Was für eine Anmaßung! Wir Schriftgelehrten schauen uns an und wissen sofort: Jetzt hat er den Bogen überspannt! Nicht nur heilen will er, nein, er greift nach der Vollmacht des Erhabenen, gepriesen sei sein Name! Reißt an sich, was ihm alleine gebührt. Wie Jesaja schon sagt: Ich, ich tilge deine Übertretungen.
Er nicht dieser Jeschua. Und das weiß er ganz genau. Denn er sagte, zu uns gewandt: Ich weiß, was ihr jetzt denkt. Fragt sogar, uns ins Angesicht, was leichter sei, zu heilen oder Sünde zu vergeben. Leichter! Was für eine Frage! Lästerung des Erhabenen ist das, nichts anderes.
Fordert schließlich den Lahmen auf, heimzugehen. Natürlich, da geht ein Staunen und Lobpreisen an, wie er ohne Hilfe hinausgeht. Dumm ist es, das Volk, merkt nicht, wie der Nazarener die Lästerung des Höchsten in gefällige Wunder verpackt. Nein, so darf es nicht weitergehen. So nicht.
Musik 3 Heinrich Kaminski, Aus der Tiefe
Autor: Ich bin mir ziemlich sicher, was heute jemand antworten würde auf Jesu Frage. Natürlich ist die Vergebung der Sünde leichter, als einen Gelähmten zu heilen. Sünde das Wort gibt es ja kaum noch. Selbst wir Pfarrer schleichen um den Begriff herum wie die Katze um den heißen Brei. Sünde etwas Harmloses und Augenzwinkerndes ist daraus geworden. Und Vergebung? Die gibt es doch in jedem Gottesdienst als billige Wortmünze. Da kann einem der jüdische Schriftgelehrte direkt sympathisch werden. Wehrt er sich nicht dagegen, die Sündenvergebung zu trivialisieren?
Aber Jesus tut das nicht. Ganz im Gegenteil. Indem er Vergebung der Sünde und Heilmachen des Gelähmten auf eine Stufe stellt, zeigt er, wie umfassend Gott nach dem Menschen greift. Keine Trennung mehr zwischen Seelischem und Körperlichem, zwischen Heil und Heilung. Es gibt keine Antwort A oder B auf Jesu Frage, was leichter sei. Das eine ist so schwer wie das andere. Sünde ist wie totale körperliche Lähmung. Sünder sind unbeweglich. Gelähmte andererseits offenbaren nur, wie jede Krankheit, wie tief wir von Gott, von Ursprung und Ziel des Lebens, entfremdet sind. Entfremdung das ist Sünde in der Einzahl, die Ursünde. Nicht eine Tat, sondern ein Zustand des Menschen. Darum geht es. Nicht um das Register der Puppensünden.
Aber nun und das ist jetzt entscheidend -: Vergebung: Sie befreit nicht nur von Schuld, sondern stellt mich auch auf die Füße. Ermöglicht mir, Gott zu diesen auf Schritt und Tritt. Was psychosomatische Medizin heute wieder bewusst machen will, hat seine Wurzeln bis nach Kapernaum: Eine kaputte Seele, der nicht geholfen wird, meldet sich mit Gewalt in einem kaputten Körper zu Wort. Aber Vergebung wirkt Wunder.
Dabei kann Vergebung ungeheuer schwer sein. Simon Wiesenthal zum Beispiel um auf die anfangs geschilderte Szene zurückkommen wird von dem sterbenden SS-Mann im Grund erpresst. Seine Vergebungsbitte ist eher eine letzte Drangsal gegen den Juden, als dass der Häftling sie ihm erfüllen könnte.
Der fromme Schriftgelehrte jetzt bin ich wieder bei der Jesusgeschichte hat ja Gutes im Sinn, wenn er die Vergebung nicht von ihren göttlichen Wurzeln lösen will. So wie auch heute viele in den Kirchen sich mehr um die unbeschädigten Dogmen des Himmels Sorgen machen, als um das Heil der Menschen auf Erden. Aber mit Jesus hat Gott seine Herrschaft auf Erden angetreten. Hier sollen Neuanfänge passieren. Hier sollen Sprachlose wieder eine Stimme bekommen, Verkrampfte sich lockern. Hier sollen Unbewegliche wieder in die Gänge kommen, Frustrierte wieder einen Antrieb finden. Und alles ohne Vorbedingung. Vom Glauben des Gelähmten ist keine Rede. Wohl aber vom Glauben der vier Krankenträger. Die glauben für ihn, stellvertretend. Vergebung der Sünde ist eine Gemeindeangelegenheit. Einer leidet mit den anderen. Eine bittet für die andere. Einer spricht den anderen im Namen Jesu von seiner Schuld los.
Wir finden uns augenblicklich in einer Welt vor, um die man Angst haben kann. Ob sie die nächsten hundert Jahre noch überlebt, das beantworteten Wissenschaftler kürzlich teils recht skeptisch. Am meisten ist die Welt bedroht von Fundamentalisten aller Schattierungen, die um der Heiligkeit ihres Gottes oder einer Idee willen, sich selbst unbefleckt erhalten wollen und dabei oft über Leichen gehen. Christen haben ihnen etwas völlig anderes entgegenzusetzen: den neuen Menschen, der um den Abgrund seiner eigenen Entfremdung von Gott weiß, aber aus der Vergebung lebt. Zum Wohl und Heil dieser Erde.
Musik 4 Alfred Stier, Brich herein, süßer Schein Str. 1
Musiknachweis: Romantische Chormusik Dresdner Kreuzchor Berlin Classics 0010322 Musik 1-3: Heinrich Kaminski, Der 130. Psalm (431) Musik 4: Alfred Stier, Brich herein, süßer Schein 1. Str. (032)
Der Himmel ist offen - Über die Vergebung der Sünde
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