Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.10.06, 6.56 Uhr, Pfarrer Ralph Frieling

Neu leben

Liebe Hörerinnen und Hörer, guten Morgen! Der Mann ist chronisch krank. 38 Jahre lang, fast sein ganzes Leben, kann er nicht laufen,

krank liegt er auf seiner Matte am Teich Betesda, so erzählt es das Johannesevangelium. Dort, mitten in Jerusalem, ist ein riesiges Krankenlager, 5 Hallen gibt es, und überall Menschen, die sich Heilung von dem Wasser im Teich versprechen. Denn wenn die Wellen höher schlagen, wird der erste Mensch, der hinein springt, von einem auf`s andere Mal gesund. Einer wird geheilt und für die anderen heißt es: wieder warten.
 
So auch für unseren kranken Mann: aus eigener Kraft gelangt er nicht ins Wasser. Jedenfalls nicht schnell genug. Und er hat auch niemanden, der ihm hilft. Früher haben sie ihm vielleicht mal geholfen, aber jetzt sind sie weg. Sie sind nicht mehr da, die Verwandten oder die Freunde von früher. Heute ist er wohl nur noch der komische Kranke, der da immer liegt. Immer noch hat der Alte diese Hoffnung, einmal in dieses wunder wirkende Wasser zu kommen, rechtzeitig, als erster, einmal seine Chance zu haben. Aber die anderen sind schneller, auch wenn sie ebenfalls schwach sind. Schneller als er sind sie alle Male. Er bekommt keine Chance, bis jetzt.

Jesus kommt. Er sieht ihn. Er fragt einen: „Was ist das für ein Mann? „Der? Der liegt da schon, so lange ich denken kann“, sagt einer. Ein Älterer fügt hinzu: „Um genau zu sein, seit 38 Jahren.“ - Jesus denkt jetzt nicht: „Ah, das muss so sein, dass der da liegt, der tut ja bald sein ganzes Leben nichts anderes. Was soll der auch jenseits dieses Teiches, jenseits der Krankenstation?“ Nein, Jesus sieht den Mann, fragt ihn: „Willst du gesund werden?“ Der Gelähmte schaut ihn an. Endlich einer, der ihn anspricht. Über nichts anderes denkt der Mann nach, ständig die Gedanken: Was, wenn ich gesund wäre? Wie das wohl geht, dass ich da mal ins Wasser komme. Ja! Natürlich! Wenn ich doch gehen könnte. Wer einmal laufen oder gut hören oder sehen konnte, der gewöhnt sich nur schwer daran, all das nicht mehr zu können.

Der blinden Frau schwimmen Farben von früher im Kopf herum, dem Tauben Töne - alles aus der Erinnerung, und der Lahme schaut den eilenden Leuten hinterher, den springenden Kindern. „Du fragst mich, ob ich gesund werden will?“ Der Kranke mustert Jesus. „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, ich wünschte, ich hätte einen, der zu mir hinrennt, der mit kräftigen Armen mich aufhebt, mich untertaucht, wenn das Wasser heilen kann. Aber wenn ich da hinrobbe auf meinen Ellbogen - immer ist es zu spät. Ein anderer steigt vor mir hinein, einfach so, er schreitet an mir vorbei. Ja, ich will, dass ich gesund werde. Aber ich glaube nicht, dass das geht.“

Aus dem Mann prustet es heraus. Er hat viel zu erzählen, er klagt Jesus sein Leid, er jammert nicht, er sagt nur, wie es ist, und es ist schlimm. Klagen zu können - das ist ein Anfang für die Heilung. Und weil es eine Wundergeschichte ist, sagt Jesus: „Steh auf, nimm deine Liege mit und geh umher.“ Der Lahme steht auf und ist gesund.

Nun, es ist schon ein kleines Wunder, immerhin, wenn die Klage zugelassen wird. Über das Schwere reden zu können und ein offenes Ohr zu leihen: beides bringt schon einiges in Bewegung. Und manchmal werden dann aus kleinen Wundern große.

Audiobeitrag Neu leben


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