Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.10.06, 8.56 Uhr, Pfarrer Ralph Frieling

Neu anfangen

Liebe Hörerinnen und Hörer, neu anfangen - das sagt sich so leicht. Manchmal sind Beziehungen und Situationen so fest gefahren,

dass man sich einen Neuanfang kaum vorstellen mag. So wie in dieser Geschichte aus dem Lukasevangelium:

Er hatte das Vertrauen der Leute verspielt, und das gründlich. Er war stur, er war raffgierig, er war unnahbar, er war der Chef draußen am Stadtrand. Sie hatten ihn zum Chef gemacht, die Römer, die Besatzer. In jedem Dorf setzten sie sich fest, in jeder Stadt, die römischen Soldaten und Verwalter. Und er war einer von ihnen geworden, hatte sich anwerben lassen, dabei war er selber ein Jude und in Jericho aufgewachsen. Und jetzt gab er den obersten Stadtzöllner ab draußen am Tor.

Saß breitbeinig in seinem hübschen Diensthäuschen, immer ein paar Legionäre in der Nähe. Wenn jemand zum Geschäftemachen oder Verreisen die Stadt verließ oder kam, dann musste er am Zoll vorbei und Steuern bezahlen, eine Zwangsabgabe, einen Wegezoll. Und er, der Hauptzöllner, verdiente nicht schlecht. Um genau zu sein, er nahm den Leuten den einen oder anderen Extra-Schekel ab, wenn es schnell gehen sollte. Und er änderte schon mal die Preise. Wenn die Leute sich beschwerten, dann hob er beim Kassieren nur kurz den Kopf und sagte: Kannst ja da bleiben, musst ja nicht verreisen und Zoll bezahlen. Und wollte dann noch einer weiter diskutieren, dann blieb er ganz ruhig und sagte nur: Also willst du jetzt weiter oder nicht. So einer macht sich nicht beliebt in der Stadt.

Eines Tages, so erzählt es Lukas, ist Jesus mit den Jüngern in Jericho. Zachäus, der oberste Zöllner, hat das natürlich mitbekommen. Er will Jesus sehen. Hat von ihm wie alle anderen auch schon viel gehört. Jesus, der den Menschen so von Gott erzählt, dass es sie berührt. Jesus, der Kranke heilt und Wunder tut. Neugierig macht Zachäus sich auf den Weg. Nur, in der Menge stehen, das will er nicht, weil er ist nicht besonders groß und wird nicht viel sehen. Und beliebt ist er wie gesagt auch nicht. Also läuft er vor. Er weiss: hier an diesem Platz wird Jesus entlang kommen. Dann macht er etwas, was ein Hauptzollinspektor eigentlich nicht tut. Er klettert auf einen Baum. Also, er ist sehr neugierig.

Dabei versteckt er sich und will Jesus aus der Distanz sehen, ohne dass die anderen etwas davon mitkriegen. Jesus kommt, umringt von hundert Leuten. Der Zöllner Zachäus schaut hinter den Zweigen zu. Jesus schaut auf und rückt ihn genau in den Mittelpunkt des Interesses, so dass alle Leute in den Baum gucken. Ich weiß nicht, ich hätte diesen Zachäus nach außen hin vielleicht ignoriert, um ihm nicht zu nahe zu treten. Ich hätte womöglich gedacht: Zachäus, ich weiß zwar, dass du da oben hockst, aber ich tu mal so, als würde ich es nicht sehen. Du hast dich nicht umsonst versteckt, ist doch deine Entscheidung. Jesus aber zeigt genau auf den Konflikt, der in Jericho schwelt. Und er sagt laut: Zachäus, komm da runter, und fährt fort: Ich will heute in deinem Haus zu Gast sein und will mit dir
essen.

Zachäus freut sich, heißt es. Er steigt schnell vom Baum und nimmt Jesus mit in sein Haus. Und sagt zu ihm: Siehe, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wo ich jemanden betrogen habe, dem gebe ich es vierfach zurück. Zachäus kehrt um. Er entdeckt und zeigt eine völlig andere Seite von sich. Er sieht eine zweite Chance für sein Leben und ergreift sie. Und Jesus? Er hat Zachäus nicht blamiert. Sondern traut ihm zu, dass er offen für Gott und die Menschen ist, und dass er sein Leben ändert.

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