Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.10.06, 7.50 Uhr, Pfarrer Ralph Frieling

Risiken eingehen

Einen guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ach, es geschehen keine Wunder mehr! Heißt es zu Beginn von Schillers Drama „Die Jungfrau von Orleans“.

Tja, so richtige Wunder, wie sie in der Bibel vorkommen, erleben wir heutzutage wirklich nur sehr selten. Wie zum Beispiel diese Geschichte aus dem Matthäusevangelium.

Der Tag war lang gewesen. Tausende von Leuten waren da, sie hatten angestanden, jeder wollte etwas von den Jüngern und natürlich vor allem von Jesus. Jetzt sind sie weg, es ist dunkel geworden. Die Jünger steigen ins Boot, ohne Jesus. „Ich treffe euch später wieder“, hat er ihnen gesagt. Auch wenn es längst Nacht ist, - die Zwölf wollen noch ans andere Ufer übersetzen, das dauert eine Stunde.

Keine gute Idee. Denn Wind kommt auf, solche Fallwinde, die von den Berghängen runter in den See sausen. Die Jünger werden nervös, das Boot schaukelt hin und her, es ist stock duster, der Wind bläst ihnen um die Ohren. Sie sind völlig durchnässt und mit den Nerven am Ende, sie kommen nicht weiter, an Schlafen ist nicht zu denken, es ist nachts um drei. Da sehen sie Jesus auf dem Wasser. Das heißt, eigentlich sehen sie ihn nicht. Sie denken: ein Gespenst, ein Phantom, hallo? Guck mal, siehst du das auch? Die Gestalt sagt: Habt keine Angst, ich bin`s, Jesus. Die Freunde erkennen ihn. Das interessante ist, was jetzt passiert. Petrus sagt: Jesus, wenn du das kannst, auf diesen wogenden Wellen laufen, dann will ich das auch. Jesus sagt: Komm! Und Petrus probiert`s.

Er wagt etwas, an das er normalerweise im Traum nicht denken würde. Er riskiert etwas, obwohl er Angst hat. Er trifft eine eigene Entscheidung. Und es klappt! Mitten in diesem Chaos steht er auf eigenen Beinen. Er kann gehen, macht eigene Schritte. Petrus fühlt sich prächtig. Er selbst hat etwas auf die Beine gestellt, ein phantastisches Gefühl.

Menschen riskieren mit Zögern etwas Neues und machen die Erfahrung: es klappt ja, ich kann selber gehen. Doch was jetzt folgt, ist genauso menschlich. Denn auf einmal sieht Petrus die Wellen um sich herum, erst so aus den Augenwinkeln und dann geht er auch schon unter. Und die Angst kommt wieder, mächtig, noch viel stärker als vorher. Und er droht in der Angst zu versinken. Plötzlich erscheint all das höchst zweifelhaft: Hast du dir da nicht ein wenig viel zugemutet? Du willst das durchhalten? Bist du dir wirklich sicher? Manchmal gibt es noch ein zurück und manch einer bricht jetzt ab. Und das Ende der Geschichte: Jesus hilft dem versinkenden Petrus wieder auf. Er stärkt ihm den Rücken. Und gemeinsam gehen sie weiter.

Der Glaube ist ein Weg, auf dem man mal schnell und zuversichtlich und aufrecht gehen kann und auf dem man mal langsam dahin kriecht und nicht von der Stelle kommt. Gut, dass Gott hinter uns steht und an unserer Seite.

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