Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.10.06, 7.50 Uhr, Pfarrer Ralph Frieling

Sich versöhnen

Ein neuer Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, gut geschlafen? Ich frage, weil manchmal lässt der Schlaf auf sich warten.

Kennt man ja: es ist spät geworden und dunkel draußen. Alles ist ruhig, alles schläft, nur du liegst wach, denkst nach. Schäfchen zu zählen nutzt nichts. Die Sorgen halten dich wach. So erzählt es auch eine Geschichte in der Bibel. Jakob ist im fremden Land gewesen, 20 Jahre lang. Er war geflohen vor seinem Bruder Esau. Damals waren sie jung, und er hatte sich von seinem Bruder das Recht der Erstgeburt erkauft mit einem Teller roter, duftender Linsen. Und dann, was noch viel schlimmer war, erschlich Jakob sich auch noch den Segen des Vaters. Gab sich als der ältere aus. Tat so, als sei er Esau, und der fast blinde Vater glaubte es irgendwann und segnete ihn.

Du sollst reich sein, sagte Isaak zu ihm, sollst Nachkommen haben, deine Brüder sollen allesammt dir gehorchen, Gott segne dich, mein Sohn, mein ältester. Kurz danach kam Esau, der richtige älteste Sohn. Der Vater hatte keinen so schönen Segen mehr für ihn. Der Vater konnte das Gesagte nicht rückgängig machen und dem jüngeren Jakob den Segen wieder wegnehmen. Mit dem Segen spielt man nicht. Jakob, der kleine Bruder, schlich sich fort. Ging zu seinem Onkel ins Ausland. Verliebte sich und diente ihm 14 Jahre lang um seine beiden Töchter, erst Rahel, dann Lea. Dann blieb er noch mal 6 Jahre bis er sich große Viehweiden verdient hatte.

Nun zieht er nach Hause mit seinen Viehherden, mit seinen Knechten und Mägden, mit Rahel und mit Lea und den Kindern. 20 Jahre - eine lange Zeit. Er ist ein gestandener Mann geworden, in der Mitte seines Lebens. Es bleibt ihm noch Zeit, selber etwas aufzubauen zu Hause. Aber Halt, da ist noch sein Bruder. Esau. Esau hat nicht vergessen. Esau ist die Hürde auf dem Weg nach Hause. Da ist nichts geklärt. Es heißt, Esau zog ihm entgegen mit bewaffeten Männern, nicht mit ein paar, nein, sondern mit 400 Mann. Esau hat nichts vergessen. Er hat all die Jahre gewartet auf seinen Bruder, auf den Betrüger. Jetzt ist es soweit.

Am Grenzfluß, am Jabok, stellt Jakob seine Familie hinter sich, die kleinen und liebsten ganz nach hinten. Haltet euch zurück, hört ihr. Jakob selbst bleibt am Fluss, schaut hinüber, nervös. Irgendwo dort am andern Ufer wartet sein Bruder auf ihn und seine Familie. Was jetzt? Es wird Nacht. Ein Engel kommt und kämpft mit Jakob. Sie kämpfen die ganze Nacht, ringen mit einander, keiner gibt auf, es ist anstrengend, kräftezehrend. Aber keiner geht zu Boden. Es dauert Stunden. Der Morgen graut wässrig am Horizont. Der Engel sagt: Lass mich, ich gehe, unentschieden.

Jakob sagt: Ich lass dich nicht, segne mich erst. Der Engel segnet ihn und geht. Die Sonne geht auf und da kommt Esau mit seinen Männern. Jakob bleibt keine Wahl, er geht auf den Bruder zu, gebückt, demütig. Esau sieht ihn, den kleinen Zwillingsbruder. Beide sehen sie sich. Gehen aufeinander zu, umarmen sich.

Er, Jakob, hat gekämpft in der Nacht, hat sich auseinander gesetzt mit dem Engel und auch mit sich selbst, mit seinen eigenen dunklen Anteilen, mit seiner eigenen schlimmen Vergangenheit und Sünde. Er hat gekämpft vor Gottes Angesicht. Er legte sich nicht schlafen, verdrängte weder die Furcht noch sein schlechtes Gewissen. Er blieb wach in jener Nacht, floh nicht, sondern er kämpfte und rang und zum Schluss wusste er nicht: habe ich gewonnen? Die Versöhnung am anderen Morgen war sein Geschenk.

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