Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.10.06, 5.56 Uhr, Silke Janssen

Blickwinkel

Ich möchte Sie mitnehmen in ein anderes Land und in eine andere Zeit. Stellen Sie sich vor, wir sitzen zusammen in einem Boot und fahren raus auf einen großen See.

Mit uns ein paar andere erfahrene Ruderer, von Beruf  Fischer. Und es ist ein Freund von ihnen mit von der Partie, Jesus, der Sohn Gottes. Aber von dem haben wir nicht viel, der schläft nämlich.

Plötzlich merken wir, dass ein Sturm aufkommt. Die anderen rudern weiter, denn Umkehren geht nicht, wir sind mitten auf dem See. Das rettende Ufer ist zu weit weg. Der Wind wird stärker, die Wellen werden immer höher und schlagen ins Boot. Wir beginnen, um unser Leben zu kämpfen. Die einen rudern so kräftig sie können, um das Boot quer zu den Wellen zu halten, die anderen schöpfen das Wasser aus dem Boot, sie rufen sich Sätze zu, die sie nicht mehr verstehen können, weil der Wind so laut ist.

Wir haben Angst. Wir denken, die Wellen fressen uns und wir gehen unter. Wie sollen wir diese Naturgewalten bezwingen? Herr darüber sind wir schon lange nicht mehr. Für uns geht die Welt unter, wir befinden uns in Lebensgefahr. Als es zu gefährlich wird, als wir nicht nur von den Wellen, sondern auch von unserer Angst überwältigt werden, die so groß wird, dass die Fischer nicht mehr weiter wissen, tun sie das einzig Richtige. Wenn es überhaupt einen gibt, der jetzt noch helfen kann, dann ist es Jesus. Er, der Sohn Gottes, hat schon so viele wundersame Dinge in ihrem Beisein getan. Er hat Wunder vollbracht. Er hat Kranke geheilt, Tote auferweckt. Er, der den direkten Draht zu Gott im Himmel hat, er kann ihnen bestimmt aus dieser lebensbedrohlichen Lage heraushelfen. Also wecken sie Jesus und rufen: Meister, Meister, wir kommen um! Wir gehen unter, die Wellen werden uns fressen.

Jesus wacht auf. Er erkennt die Angst seiner Freunde. Er steht auf und bedroht den Wind und die Wogen des Wassers, und sie legen sich, und es entsteht eine Stille. Ruhe auf dem See. Die Gefahr ist vorüber, wir sind gerettet.

Mir kommt diese Geschichte sehr bekannt vor. Ich war zwar noch nie auf See in Lebensgefahr. Aber was passiert ist, kenne ich. Im übertragenen Sinn. Wenn es bei mir drunter und drüber geht, dann schaue ich - quasi - auch auf die Wellen. Ich sehe, wie mich Situationen bedrohen. Und ich male mir aus, was das alles noch werden kann. Was passiert, wenn das Schlimmste eintritt. Dass die Wellen noch größer werden können und dass sie mich fressen. Diese Gedanken kosten meine Nächte, meine Kraft, vertiefen meine Falten im Gesicht und drücken auf meinen Magen. Sie sind vor meinen Augen und - ich lasse die Augen nicht davon ab.

Dabei zeigt mir die Geschichte mit Jesus und seinen Freunden, dass ich nicht auf die Wellen schauen soll, sondern die Perspektive wechseln. Weg von der Gefahr - hin zu etwas, das Halt und Sicherheit gibt. Etwas, zu dem ich Vertrauen habe. Für mich als gläubiger Mensch heißt das - im übertragenen Sinn - auf Jesus zu schauen. Vertrauen zu Gott zu haben. Vertrauen zu haben, dass er mein Leben in einer guten Art in seine Hände nimmt und Krisen zu einem guten Ende bringt. Gott ist der Halt im meinem Leben. Er gibt mir Sicherheit. Denn er sitzt mit mir zusammen in einem Boot. Und er hat versprochen, mit mir durch mein Leben zu gehen. Durch dick und dünn, durch Höhen und Tiefen. So kann ich eigentlich gelassen sein. In allen Stürmen des Lebens.

Audiobeitrag Blickwinkel


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